Russlands Kriegsmaschinerie beginnt zu knirschen – von Alexey Sakhnin

Shownotes

Die russische Kriegswirtschaft hat zunehmend mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Unter den Menschen, die mit gestiegenen Preisen, Steuern und Zinsen sowie immer mehr Leben für den Ukrainekrieg bezahlen müssen, schwindet der Rückhalt für die Regierung.

Artikel vom 05. Juni 2026: https://jacobin.de/artikel/russland-ukraine-krieg-putin-kriegswirtschaft

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00:00:00: Russlands Kriegsmaschinerie beginnt zu knirschen.

00:00:04: Die russische Kriegswirtschaft hat zunehmend mit Schwierigkeiten zu kämpfen.

00:00:08: Unter den Menschen, die mit gestiegenen Preisen, Steuern und Zinsen sowie immer mehr Leben für den Ukrainekrieg bezahlen müssen, schwindet der Rückhalt für die Regierung von Alexei Saknin.

00:00:22: Übersetzung von Tim Steins Ich bin bestimmt nicht der erste, der dir das sagt.

00:00:28: In Russland tut sich definitiv was Da liegt etwas in der Luft.

00:00:31: Man läuft über die Straße, steigt in die U-Bahn, sitzt im Café und überall reden die Leute über dasselbe.

00:00:38: Diese Nachricht erhielt ich kürzlich von einem Genossen der immer noch in Russland lebt.

00:00:43: Die beschriebene Gemütslage lässt sich mit Umfragen kaum erfassen Doch manchmal kann die wahrgenommene Stimmung den Beginn einer Veränderung treffender vorhersagen.

00:00:53: als professionelle Meinungsforscher Seit zwei tausend vierundzwanzig zeigte sich der Kreml stets zuversichtlich auf einen unausweichlichen Sieg zuzusteuern.

00:01:03: Man habe die westlichen Sanktionen überstanden, sei dominant auf dem Schlachtfeld wie in der Rüstungsproduktion und verfüge grundsätzlich über deutliche Ressourcenvorteile.

00:01:13: Und auch die Zeit schien auf der Seite von Präsident Vladimir Putin zu sein.

00:01:17: Die westliche Koalition wirkte zersplittert.

00:01:20: Donald Trump strebte eine Einigung mit Moskau an.

00:01:23: Der Ukraine fehlte es offenbar an Geld Waffen und Personal.

00:01:28: Doch seit früher ist die Stimmung eine andere.

00:01:30: Statt der Erwartung eines baldigen Sieges scheint sich in Russland langsam das Gefühl einer sich anbahnenen Krise breit zu machen.

00:01:39: Defizite und Kriegswirtschaft.

00:01:42: Laut offiziellen Daten belieft sich, dass Defizit des russischen Staatshaushalts allein in den ersten vier Monaten, ... ... zwei tausendsechsundzwanzig auf fünf Komma neun Billionen Rubel.

00:01:52: rund zwei Komma fünf Prozent des BIP.

00:01:56: Damit ist bereits das Gesamtjahresdefizit... ... zweitausendfünfundzwantig Fünf Komma sechs Billionen Rube übertroffen dass seinerzeit bei Ökonomen für Beunruhigung gesorgt hatte.

00:02:07: Die Regierung hatte für das gesamte Jahr, ... ... ursprünglich ein Defizit von drei Komma neun Billionen Rubel veranschlagt.

00:02:16: Es ist also klar... ...dass die endgültigen Defizidwerte ... ... selbst unter Berücksichtigung der höheren Ölpreise in Folge des Krieges im Iran wohl zu den höchsten des Jahrhunderts gehören werden.

00:02:28: Zum Vergleich ... erreichte das Defizit etwa sechs Prozent des BIP.

00:02:37: Im ersten Jahr der Corona-Virus-Pandemie, im Jahr ist es bei rund vier Prozent.

00:02:43: Hinzu kommt – sogar Putin hat inzwischen eingeräumt -, dass die Wirtschaft seit Jahresbeginn um eins Komma acht Prozent geschrumpft ist!

00:02:51: Der zwei tausendzweiundzwanzig eingeleitete militärkönisianische Kurs, der zweitausendzeinsichschrägstrichvierundzwansich noch für Wachstumsorgte scheint sich überlebt zu haben.

00:03:02: Dennoch erhöht der Staat die Militäreusgaben immer weiter.

00:03:05: Man investiert praktisch alles in den Krieg.

00:03:08: Bleibt die Frage, wer bezahlt am Ende die Zeche?

00:03:12: Russlands Wirtschaftspolitik nähert sich zunehmend der alten Formel Kanonen statt Butter an.

00:03:18: Die Mehrwertsteuer wurde seit Beginn der Invasion bereits zum zweiten Mal angehoben.

00:03:30: Die Zentralbank hält an extrem hohen Zinssätzen fest, wodurch Kredite für kleine und mittlere Unternehmen nahezu unerschwinglich werden.

00:03:37: Andererseits aber ein relativ starker Rubel gestützt wird.

00:03:41: Diese starke Währung ist lebenswichtig für den Militärsektor der von importierten meist chinesischen Bauteilen abhängig ist.

00:03:48: Ohne einen starken Rubel hätte der Kreml Schwierigkeiten, Drohnen, Granaten oder Elektronik zu beschaffen.

00:03:55: Gleichzeitig ersticken hohe Zinssetze und ein teurer Rubel die zivile Wirtschaft.

00:04:00: Unternehmen bekommen kaum Kredite, Einheimische Produzenten verlieren an Wettbewerbsfähigkeit.

00:04:06: Die Folge ist eine Welle von Insolvenzen- und Schließungen kleiner Unternehmen.

00:04:11: Aus diesen Branchen entlassene Arbeiterinnen und Arbeiter wandern meist dorthin ab wo die Löhne noch stabil sind Indirekt vom Staat finanzierte Rüstungsbetriebe.

00:04:21: Die Regierung verlagert somit Arbeitskräfte und finanzielle Ressourcen in die staatliche Kriegswirtschaft.

00:04:29: Das explodierende Defizit hat zudem zu Ausgabenkürzungen geführt.

00:04:34: Im öffentlichen Dienst werden Stellen abgebaut, Bau-, Infrastruktur- und Stadtentwicklungsprojekte werden zurückgefahren.

00:04:41: Dies trifft nicht nur Angestellte sondern auch Tausende Beamte, Geschäftsführer und von staatlichen Aufträgen abhängige Unternehmer.

00:04:49: Sogar der Vorsitzende der Putin treu auftretenden kommunistischen Partei Russlands warnte kürzlich, ein wirtschaftlicher Zusammenbruch könne eine Revolution wie nineteenhundertsebzehn auslösen.

00:05:00: Wir haben keinerlei Recht dies zu wiederholen, mahnte er.

00:05:05: Angesichts des wachsenden ökonomischen Drucks verlagern Unternehmen ihre Aktivitäten in die Schattenwirtschaft.

00:05:10: Der Staat hat darauf wiederum mit strengeren Kontrollen bei Banküberweisungen, Beschränkungen für Kryptowährungen und härteren Strafen für Steuerhinterziehung reagiert.

00:05:20: Die praktische Wirkung ist schwer zu ermitteln, in jedem Fall erweitern diese Maßnahmen aber die Befugnisse von Polizei, Staatsanwaltschaft und Sicherheitsdiensten über das Wirtschaftsleben erheblich.

00:05:32: Der Kreml handelt nach einer einzigen Logik – alles für die Front, alles für den Sieg!

00:05:37: Mit diesem Versuch, die Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten, schwächt und erodiert die Putin-Regierung ihre eigene gesellschaftliche Basis.

00:05:46: Probleme an der Front.

00:05:49: Auch an der front häufen sich die probleme.

00:05:52: das tempo, der seit mehr als zwei jahren andauernden russischen offensive verlangsamte sich anfangen zwetausend sechsundzwanzig drastisch.

00:06:00: im februar eroberten die ukrainischen streitkräfte berichten zu folge zum ersten mal seit zweitausend dreiundzwantig mehr gebiete zurück als sie verloren.

00:06:09: ebenso seien die russische verluste gestiegen schreiben sogar kriegsbefürwortende blogger.

00:06:14: ein weiterer schwerer rückschlag war dass der russische Zugang zu Starlink Terminals Berichten zufolge auf Anfrage der Ukraine unterbrochen wurde.

00:06:23: Dabei wurde deutlich, das Russland über kein adäquates alternatives System für die Kommunikation auf dem Schlachtfeld verfügt.

00:06:30: Die Ukraine hat zudem ihre Position im Drohnenkrieg gestärkt.

00:06:34: Mit europäischer Unterstützung hat sie nicht nur die Zahl der eingesetzten Drohne erhöht sondern auch deren Reichweite und Leistungsfähigkeit verbessern können.

00:06:43: Während Drohnen zuvor hauptsächlich an der direkten Frontlinie eingesetzt wurden, typischerweise in einem Umkreis von ein bis zwei Kilometern können ukrainische Streitkräfte nun zwanzig bis dreißig Kilometer hinter den russischen Linien angreifen.

00:06:57: Beobachter sprechen von einer Dronenwand!

00:07:00: Die Todeszone hinter der Front hat sich daher ausgeweitet und für die russisch- streitkräften ist es zunehmend schwieriger geworden, in der Nähe der Kontaktlinie zu manövrieren oder Reserven zu konzentrieren.

00:07:12: Infolge dessen sind die russischen Verluste gestiegen und einer der Hauptvorteile Moskau, seine personellen Ressourcen wurde erheblich geschmälert.

00:07:22: Gleichzeitig desatieren immer mehr erschöpfte Soldaten.

00:07:25: Die meisten kehren einfach nicht aus dem Urlaub oder aus Militärkrankenhäusern zurück an die Front.

00:07:31: Unabhängige Forscher gehen davon aus dass es während des Kriegs mindestens hunderttausend bis einhundertzwanzig tausend Fälle von Desation- oder Wehrdienstverweigerung gegeben habe mehr als die Hälfte davon allein im vergangenen Jahr.

00:07:46: Der Trend scheint sich also zu verschärfen.

00:07:49: Ende April stuften die russischen Behörden gerichtliche Statistiken zur sogenannten Militärverbrechen, als Verschlusssache ein – Zwangsrekrutierung und ihre Grenzen.

00:08:01: Gleichzeitig fällt es der russische Armee schwerer, die erlittenen Verluste per Neurekrutierung auszugleichen.

00:08:08: Nach Schätzungen des Ökonomen Janis Kluge, die auf regionalen Ausgaben für Einberufungsprämien basieren gingen die Neueinberufungen in den ersten Monaten des Jahres, um rund zwanzig Prozent zurück.

00:08:21: Es ist daher möglich dass die Gesamtstärke der russischen Armee zum ersten Mal seit der Invasion geschrumpft ist.

00:08:28: Bislang hat der Kreml diese Engpässe mit marktwirtschaftlichen Methoden bewältigen können.

00:08:33: Wenn es eng wurde wurden die Einstellungsprämien erhöht.

00:08:37: Gerade in armen Regionen des Landes konnten so zuverlässig Rekruten gefunden werden.

00:08:42: Doch wachsende Finanzlöcher machen es immer schwieriger, neues Kanonenfutter zu beschaffen.

00:08:47: Dementsprechend greift der Staat wieder zunehmend auf Zwangsmaßnahmen zurück.

00:08:51: So setzen regionale Behördenunternehmer unter Druck – manchmal unter Androhung strafrechtlicher Verfolgung – einen Anteil ihrer Angestellten für die Armee zu mobilisieren.

00:09:01: Auch die Hochschulen haben die Rekrutierung von Studierenden zur einer zentralen Verwaltungsaufgabe gemacht.

00:09:08: Doch zwang funktioniert nicht immer!

00:09:10: In einer geleagten Aufnahme aus der Republik Burjazien beschimpft ein Bezirksbeamter Fabrikchefs, weil diese die Rekrutierungsquoten nicht erfüllen.

00:09:18: Sie antworten Wir können die Leute nicht zwingen!

00:09:22: Niemand will gehen.

00:09:23: Als der Beamte den Unternehmern befiehlt sich dann eben selbst zu melden wird ihm die naheliegende Frage gestellt Warum gehen sie nicht an die Front?

00:09:33: Dieser Wortwechsel fasst das Problem des Kremls in Miniaturform zusammen.

00:09:37: Formal erscheint die Exekutive allmächtig doch in der Praxis werden Befehle oft nicht ausgeführt.

00:09:43: Mangel an Personal und Ausrüstung, steigende Verluste, falsche Berichte von Militärbeamten.

00:09:48: Und ein schwindender Glaube an den Sieg sorgen nicht nur bei Soldaten und Offizieren für Unmut sondern auch bei Einflussreichen Bloggern und ultranationalistischen Aktivisten.

00:09:59: Diese Kräfte waren einst wichtige Instrumente für die patriotische Mobilisierung.

00:10:04: Inzwischen äußern sich viele negativ über die Behörden.

00:10:07: einige haben sogar begonnen Putin persönlich zu kritisieren.

00:10:11: In der rund siebenhunderttausend Mann starken russischen Armee scheint sich Unzufriedenheit breit zu machen.

00:10:17: Diese Stimmung wird immer lautstärker von ultrapatriotischen Meinungsmachern öffentlich gemacht.

00:10:22: Der Kreml hat bereits erlebt, wohin solche Dynamiken führen können.

00:10:41: Unter anderem gab es Versuche, Telegram die wichtigste Kommunikationsplattform in Russland zu sperren.

00:10:48: Soldaten und ihre Familien, Staatsbeamte, Unternehmer und Millionen gewöhnlicher Nutzerinnen sind auf den Dienst angewiesen.

00:10:56: Auch bloggende Kriegsfans haben ihr Publikum und ihren Einfluss über Telegram aufgebaut.

00:11:01: Berichten zufolge hoffte der Kreml, die User zum Wechsel zur staatlich kontrollierten Alternativ-Plattformen drängen zu können.

00:11:09: Stattdessen luden sich Millionen Menschen VPNs herunter und blieben bei Telegram.

00:11:14: In Reaktion darauf wurde die Regulierung des Internets direkter an die Sicherheitsbehörden übertragen.

00:11:20: Im März wurde das mobile Internet in vielen Regionen, inklusive Moskau einfach abgeschaltet.

00:11:26: Banking-Apps funktionierten nicht mehr Taxi und Lieferdienste kamen zum Erliegen Millionen hatten Schwierigkeiten Verwandte zu kontaktieren kleine Unternehmen verzeichneten Umsatzeinbußen und da sogar Behörden betroffen waren, breitete sich die allgemeine Wut weit über die üblichen Oppositionskreise hinaus aus.

00:11:46: Vor diesem Hintergrund begannen einst loyale Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Behörde zu kritisieren.

00:11:53: Der bekannte Anwalt Ilja Remeslo griff Putin öffentlich an.

00:11:57: Die Lifestyle-Prominente Victoria Bonya postete ein virales Video in dem sie über Angst und Zensur sowie eine stetig wachsende Liste von Problemen sprach, die die Regierung nicht anerkennen wolle.

00:12:10: Viele liberale Analysten interpretieren diese Vorfälle als Anzeichen für eine Spaltung der Elite.

00:12:16: Die potenzielle Krise könnte aber weitere Kreise ziehen.

00:12:20: Wenn Menschen nicht die Kraft oder Möglichkeiten für offene Rebellion haben leisten sie auf leisere Weise Widerstand.

00:12:26: Sie fügen sich äußerlich blockieren in der Praxis Verstecken Ressourcen, täuschen Gehorsam vor.

00:12:37: Enziehen sich der Kontrolle und desertieren.

00:12:40: Es sind die Waffen der Schwachen.

00:12:42: Genau das können wir zunehmend in Russland beobachten.

00:12:46: Soldaten kehren nicht aus dem Urlaub zurück Arbeiterinnen und Arbeiter lehnen Verträge bei Rüstungsunternehmen trotz hoher Bezahlung ab Unternehmer entziehen sich Mobilisierungsaufrufen Lokale Beamten fälschen Erfolgsberichte für ihre Vorgesetzten Offiziere verschleiern Verluste und Personalmangel.

00:13:05: Vom Mitläufer zum Widerständler?

00:13:09: Passiver Widerstand von unten sorgt dafür, dass Befehle nicht ausgeführt werden!

00:13:13: Und diese Missachtung von Befehlen breitet sich nach oben aus.

00:13:17: Die unteren Ränge nutzen ihre Waffen der Schwachen und geben die Verantwortung an die Vorgesetzten weiter.

00:13:23: Allmählich wird der Staatsapparat zu einer großen Sabotagemaschine.

00:13:28: Diese Krise dürfte früher oder später offener Zutage treten.

00:13:32: In dieser Hinsicht könnten die für September angesetzten Parlamentswahlen einen ersten Test darstellen.

00:13:38: Zwar haben Wahlen in Russland längst ihre politische Bedeutung verloren und sind zu reinen Loyalitätsritualen geworden.

00:13:45: Lokale Fabrikdirektoren liefern kontrollierte Abstimmungsblöcke, Lehrpersonal- und Schulverwaltung helfen bei der Handhabung schwieriger Wahllokale – und die harsche Kontrolle über Oppositionsparteien demoralisiert

00:13:58: Andersdenkende.".

00:14:00: In diesem Klima konnte die Regierungspartei bislang überwältigende Siege für sich beanspruchen, unabhängig von ihrer tatsächlichen Popularität.

00:14:09: Dieses System war jahrelang stabil – hängt aber auch von der Kooperation tausender Mitwirkende ab!

00:14:15: Und wie es scheint könnten heute weite Teile dieser Maschinerie betroffen sein?

00:14:20: Von Demoralisierung, Unmut und stiller Nichtkooperationen.

00:14:25: Putin mag nachwie vor einzelne Beamte oder Geschäftsleute inhaftieren können Aber er kann nicht ohne Weiteres einen ganzen Apparat ersetzen.

00:14:32: Wenn der Staat nun versuchen sollte, die Entwicklungen innerhalb der russischen Gesellschaft gewaltsam zu unterdrücken.

00:14:39: Werden diese Töre dann zur Rebellen?

00:14:41: Werden klandestine Saboteure zur Revolutionären?

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