Wenn Geschichte zur Waffe wird – von Peter Wahl und Detlef Bimboes
Shownotes
Politische Akteure, die aus tausendjähriger Geschichte Feindbilder für die Gegenwart ableiten, kommen ohne Rosinenpickerei nicht aus. Denn kein Land ist so lange immer nur Täter oder immer nur Opfer – auch nicht Russland oder die baltischen Staaten.
Artikel vom 12. Mai 2026: https://jacobin.de/artikel/geschichtspolitik-russland-estland-baltikum-eu
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00:00:00: wenn Geschichte zur Waffe wird.
00:00:03: Politische Akteure, die aus tausendjähriger Geschichte Feindbilder für die Gegenwart ableiten kommen ohne Rosinenpickerei nicht aus – denn kein Land ist solange immer nur Täter oder immer nur Opfer auch nicht Russland oder die baltischen Staaten von Peter Waal und Detlef Bimbos.
00:00:22: Ein russischer Angriff ist jederzeit möglich.
00:00:24: da sind wir nicht blauäugig.
00:00:26: in den letzten Tausend Jahren wurden wir zweiundvierzigmal von Russland angegriffen.
00:00:30: im Schnitt alle fünfundzwanzig Jahre Erklärte der ästnische EU-Abgeordnete Rio Terras, Christdemokrat und Ex-Generalstabschef Estlands im Juni.
00:00:41: Nun könnte man das Geschichtsbild eines Politikers aus einem kleinen Land sein lassen.
00:00:50: In Estland leben ein Komma drei Millionen Menschen – darunter übrigens dreihunderttausend ethnische Russen.
00:00:56: Da ist allein München mit ein Kommaa fünf Millionen Einwohnern deutlich größer!
00:01:01: Doch diese Sichtweise hat sich vor dem Hintergrund des russischen Einmarsches in die Ukraine auch in der übrigen EU festgesetzt.
00:01:08: Estland versteht sich, ebenso wie die beiden anderen baltischen Länder Lettland und Litauen als Frontstaat gegenüber Russland – weil es glaubt den großen Nachbarn auf Grund geografischer Nähe und historischer Erfahrung besser zu kennen als alle anderen.
00:01:23: Eine Politik nachbarschaftlicher Koexistenz mit Russland wird dagegen als naiv geschmäht.
00:01:29: Welchen Geschichten Europa Gehör schenkt?
00:01:33: Zwei tausend vierundzwanzig beteuerte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in selbstkritischer Attitüde gegenüber den Balken, Europa hätte zuhören müssen.
00:01:44: Zweitausend zwanzig sagte die damalige deutsche Außenministerin Annalena Baerbock bei einem Besuch in Riga schon einmal so ähnlich.
00:01:52: Wir haben vielleicht nicht genau hingehört.
00:01:55: Die Präsidentin des EU-Parlaments Roberto Mezzola meint sogar Mit dem Ukraine-Krieg habe sich das Zentrum der Entscheidungsfindung auf dem Gebiet der europäischen Verteidigung und Sicherheit ins Baltikum verlagert.
00:02:08: Das ist zwar übertrieben, und Macron, Merz und Meloni sehen das sicher anders – aber Tatsache ist, dass der Einfluss des baltischen Weltbilds in der EU enorm zugenommen hat!
00:02:19: Das zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass für den Posten der EU Außenbeauftragten eine Russophobe Fanatikerin die ehemalige Premierministerin Estlanz Kaja Callas ausgesucht wurde.
00:02:31: Zudem ist er Litauer Kubilius EU-Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt – auch das ist ein Ressort, das im Zuge der massiven Militarisierung von großer Bedeutung ist.
00:02:41: Zusammen mit Polen, das sich ebenfalls als Frontstaat versteht, ist so eine informelle regionale Allianz entstanden.
00:02:48: Es sind unsere vier Länder, die der Ukraine die meisten Waffen, Ausrüstung und Munition liefern wenn wir unsere Bemühungen pro Kopf zählen.
00:02:56: Unter Strich Polens damaliger Außenminister Zbigniew Rau bei einer Konferenz der Vierländer in den Jahren.
00:03:03: Die machtpolitischen Gewichte in der EU haben sich nach Osten verschoben parallel zur militärischen Aufrüstungs der sogenannten NATO Ostflanke.
00:03:12: Jetzt dreht sich, dass nach Ende des Kalten Krieges eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsordnung unter Einbeziehung Russlands nicht gewollt war.
00:03:20: Damit wurde auch die Chance vertan über alle Gräben hinweg, die schwierige hochgradig belastete Geschichte in Osteuropa gemeinsam mit Russland aufzuarbeiten.
00:03:30: Stattdessen ist diese Geschichte für neue Konflikte instrumentalisiert worden.
00:03:34: Natürlich gab es die russische Westexpansion seit Ivan
00:03:37: IV.,
00:03:38: dem Schrecklichen im sechzehnten Jahrhundert mit Peter dem Großen, die drei polnischen Teilungen im achtzehnten Jahrhundert den Hitler-Stalin-Pakt und sowjetische Panzer in Prag.
00:03:51: Aber die reale Geschichte ist komplizierter und widersprüchlicher als es die schwarz-weiß Malerei nationalistischer Erzählungen wahrhaben will.
00:04:00: Was ist Geschichtspolitik?
00:04:03: Zurück zu unserem ästnischen EU-Abgeordneten.
00:04:07: Sein Statement ist ein typisches Beispiel nationalistischer Geschichtspolitik Zwecks Feindbildproduktion.
00:04:13: Geschichtspolitik ist der Versuch, Geschichte aktuellen Interessen dienstbar zu machen.
00:04:18: Dafür gibt es viele Instrumente – von Denkmälern, Straßennamen, Gedenkstätten, Fahnen und Museen über Lehrpläne, Medien- und die Künste bis hin zur akademischen Geschichtsschreibung.
00:04:29: So sickern Geschichtsbilder bis ins Alltagsbewusstsein hinein.
00:04:32: Das gab es zu allen Zeiten!
00:04:34: In Epochen von Konfrontation & Krieg hat Geschichtepolitik Hochkonjunktur und kann abgerufen werden um Kriegstüchtigkeit in der Bevölkerung zu erzeugen.
00:04:43: Sie arbeitet dabei auch mit Ressentiments, oft mit Geschichtsfälschung ist selektiv.
00:04:47: Denn Unangenehmes aus der eigenen Geschichte wird unter den Teppich gekehrt, Positives oder das was als heroisch gilt, wird aufgeblasen und der Gegner in extremen Klischees gezeichnet.
00:04:59: Ein klassisches Beispiel liefert die ästnische Tageszeitung Neatkarigarita Avice So schwer es auch sein mag es zuzugeben Aber es ist der Moment der Wahrheit gekommen, in dem Europa die Überlegenheit seiner Zivilisation über die primitive Ordnung des Dschungels beweisen muss.
00:05:15: Mit dem Dschunkel ist Russland gemeint – wir kennen das aus Zeiten der einhundertfünfzigjährigen Erbfeindschaft zwischen Deutschen und Franzosen.
00:05:24: Obwohl Jahrhunderte lang Nachbarn war das Bild des jeweils anderen durch Vorurteil- und Hass verzerrt.
00:05:30: So wollte zum Beispiel Heinrich von Kleist Der Autor einer so anti-autoritären und feministischen Komödie wie der zerbrochene Krug in seinem Gedicht Germania an ihre Kinder den Rhein mit den Leichen und Knochen von Franzosen zu einem Damm aufstaun, damit der Fluss im Westen um die Pfalz herumfließt und so die Grenze gegenüber Frankreich bildet.
00:05:50: Derartige Monstrositäten lieferten die ideologische Munition für drei Kriege darunter zwei Weltkriege.
00:05:58: Interessanterweise aber verschwand die deutsch-französische Erbfeinschaft nach nineteenhundertfünfundvierzig schlagartig.
00:06:04: Feindbilder sind also nicht naturgegeben, sondern von politischem Willen abhängig.
00:06:10: In tausend Jahren zweiundvierzigmal von Russland überfallen?
00:06:15: Vor tausenden Jahren gab es so etwas wie Estland nicht!
00:06:18: Die Menschen auf dem Territorium des heutigen Estlands lebten in Stammesverbänden, die jeweils nicht mehr als einige hundert Personen umfasten.
00:06:26: Staatlichkeit existierte nur in Keimformen.
00:06:29: Untereinander führten sie immer mal wieder Krieg.
00:06:32: Kriegsgefangene wurden als Sklaven gehalten, aber schon in dieser Zeit gab es Angriffe von nicht-ästnischen Völkern.
00:06:39: Schon vor und besonders während der Wikingerzeit vielen Schweden und Dänen mit dem Ziel des Raubes und der Tributerpressung im Baltikum ein schreiben.
00:06:47: Norbert Angermann und Carsten Brüggemann in ihrer Geschichte der baltischen Länder.
00:06:51: Zehnhundertdreißig kam es dann tatsächlich zu einem Überfall ostslawischer Ritter unter Führung von Jaroslav dem Weisen auf einen ästnischen Stamm in der Gegend der heutigen Stadt Tartu.
00:07:03: Möglicherweise hatte unser Europa-Abgeordneter dieses Ereignis im Kopf, die Sache hat aber einen Haken!
00:07:09: Jaroslaf war Großfürst von Kiew und so wie unser Ex-Generalstabschef eine tausendjährige Kontinuität ästnischer Geschichte konstruiert So macht es auch die nationalistische Geschichtsschreibung der Ukraine und erfindet eine tausendjährige ukrainische Geschichte von der Kiewirus bis Selensky.
00:07:28: Würde man das ernst nehmen, könnte man behaupten, ein Tausend einunddreißig hätte die Ukraine Estland angegriffen.
00:07:35: Hinzu kommt dass die estnischen Stämme nicht nur Opfer von Angriffen von außen waren sondern auch Täter Denn sie unternamen so Angermann und Brüggemann auch Gegenschläge Was ebenso für die Littauer gilt, die seit dem späten zwölften Jahrhundert sogar sehr oft ihrerseits in die nordwestrussischen Länder einfielen.
00:07:54: Würde man das Geschichtsverständnis unseres EP-Abgeordneten teilen, könnte man sagen dass das moderne Estland bis in unsere Tage eine Tradition beim Überfallen anderer Völker hat.
00:08:05: Schließlich war Estland Teil der US geführten Koalition der Willigen – die Drei einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak führte Vom deutschen Orden unterworfen.
00:08:18: Ziel systematischer, dauerhafter Unterwerfung.
00:08:21: vor fast tausend Jahren wurden die Stämme auf dem Gebiet des heutigen Estlands tatsächlich.
00:08:26: Dabei wurden sie aber nicht von Russen unterworven sondern bis ins fünftzehnte Jahrhundert hinein von Dänen, Schweden und Deutschen.
00:08:33: Elfhundertvierundneunzig Schrägstrich, Fünfundneunsig erklärte Papst Kühlestin der Dritte den ersten liefländischen Kreuzzug.
00:08:41: Dänische Ritter etablierten, zwölfhundertneunzehn ein erstes Herzog Tum Estland und einen aus Bremen stammender Bischof gründete Zwölf hunderteins Riga heute Hauptstadt von Lettland.
00:08:52: Daraus sollte sich dann der Staat des deutschen Ordens entwickeln.
00:08:56: Parallel zur gewaltsamen Osterweiterung des Ritterordens kam es im Zuge der Deutschen Ostkolonisation zu Einwanderungen von deutschen Kaufleuten- und Handwerkern ins Baltikum.
00:09:06: Sie stellten bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Mehrheit der städtischen Bevölkerung und sicherten die herrschenden Klassen des Ordensstaates von unten ab.
00:09:15: Die ethnischen Ästen dagegen lebten als unterjochte Bevölkerung vorwiegend, als Bauern auf dem Land.
00:09:29: und nach Alt-Novgorod-Vorstis kam es zwölfhundertvierzig zur legendären Schlacht auf dem zugefrorenen Paipussee.
00:09:45: Der deutsche Ritterorden erlitt eine vernichtende Niederlage, und musste fortan seine Osterweiterung einstellen – die russische Westerweiterungen!
00:09:55: Von systematischen Versuchen russischer Expansion in Richtung Baltikum kann erst ab Mitte des sechzehnten Jahrhunderts mit den drei nordischen Kriegen gesprochen werden.
00:10:05: In den Jahrhunderten davor war der russische Ostseehandel von der Hanze beherrscht und danach durch Schwedens Blockade des Ostsee-Zugangs behindert worden.
00:10:13: Nachdem Russland unter Ivan III die Folgen des Zerfalls der Kieva Rus und die Tatarenherrschaft überwunden hatte, begannen mit Ivan IV die Versuche zur Westexpansion durch Krieg.
00:10:24: Es kam immerzu zu Konflikten zwischen Russland, Schweden – manchmal unter Beteiligung von Dänen, Preußen und Habsburgern – und dem zur Großmacht aufgestiegenen Königreich Polen-Littauen.
00:10:35: Die Ostseeregion war zum Konfliktherd geworden mit wechselnden Allianzen.
00:10:40: Mal waren die Schwedenangreifer mal Russland mal Polen Littauen.
00:10:44: In diesem Zusammenhang kam es Anfang des siebzehnten Jahrhunderts zu einem Bürgerkrieg in Russland der sogenannten Zeit der Wirren.
00:10:52: Polen Litauen ergriff die Gelegenheit beim Schopf und besetzte für zwei Jahre Moskau.
00:11:00: Das weiß in Polen heute kaum jemand, dagegen spielt es in der russischen Geschichtspolitik immer noch eine Rolle.
00:11:06: das Ende der Besatzung bietet bis heute den Anlass für einen nationalen Feiertag.
00:11:11: an russischer Kultur interessierten ist diese Geschichte bekannt weil Pushkin darüber ein Drama geschrieben hat Boris Godunov auf dem wiederum Mussorgskuis gleichnamige Oper basiert.
00:11:22: Die Geschichte Osteuropas unterschied sich damals in ihrer Blutigkeit also nicht vom Westen des Kontinents, wo im gleichen Jahrhundert der Dreißigjährige Krieg tobte – sixteenhundertachzehn bis sechzehnhundertachtundvierzig.
00:11:35: Eine langgültige Veränderung gab es erst mit dem Ausgang des Dritten Nordischen Krieges, der siebzehntundert mit einem Angriff einer Allianz aus Polen und Russland ja auch das gab es sowie Dänemark gegen die Schweden begann.
00:11:48: Schweden erlitt eine vernichtende Niederlage.
00:11:51: Sie besiegelte das Ende Schwedens als Großmacht.
00:11:54: Das gesamte Baltikum fiel damit bis zum Ende des Ersten Weltkriegs an Russland.
00:12:00: Napoleon und die polnisch-russische Erbfeindschaft.
00:12:05: Eine wichtige Periode in den Beziehungen Russlands zum Westen ist Napoleons Feldzug nach Moskau, Die große Rolle, die dieser Krieg im russischen Selbstverständnis spielt wird nur durch die noch frischere Erinnerung an den Vernichtungskrieg Nazi-Deutschlands übertroffen.
00:12:21: Napoleon's Grande Armée war eine multinationale europäische Armée.
00:12:25: Zum einen mussten sie von Frankreich abhängigen Staaten truppenkontinuente stellen – auch Preußen musste zwanzigtausend Mann beisteuern!
00:12:33: Im Rahmen eines Abkommens von Napoleon mit den Habsburgern beteiligten sich dreißigtausehnt Österreicher.
00:12:39: Für das polnisch-russische Verhältnis ist zudem interessant, dass die Polen vor dem Hintergrund der drei Teilungen durch Preußen, Russland und Österreich, siebzehnhundertzweiundsiebzig, siebenhundertdreiundneunzig, sebzehnhundertfünfundneinzig mit circa einhunderttausend Mann das größte nicht französische Kontingent stellten.
00:12:58: Mit Ende des Ersten Weltkriegs wurden Polen und die baltischen Staaten unabhängig aber schon kurz danach ergriff Polen wieder die Gelegenheit das durch Bürgerkrieg und ausländische Intervention geschwächt war.
00:13:11: Am siebten Mai, nineteenhundertzwanzig besetzten polnische Truppen Kiew.
00:13:16: Staatschef Pilsuzki's Ziel Make Poland Great Again zu alter Größe wie vor siebzehnhundertseinhalbzig mit einer Ostgrenze entlang des Däniepe.
00:13:26: Mit einem Siegfrieden für Polen wurde der Krieg nineteenhunderteinundzwanzich mit dem Vertrag von Riga beendet.
00:13:32: Polen genehmigte sich darin eine Osterweiterung um bis zu zweihundertfünfzig Kilometer auf sowjetisches Territorium.
00:13:39: Die neue Ostgrenze Polens hielt bis zum siebzehnten September nineteenhundertneununddreißig, als Moskau im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts die alten Grenzen wiederherstellte.
00:13:50: Auch in den Folgejahren zeigt die Geschichte wie schnell aus einem Opfer ein Täter wird.
00:13:55: So hört man selten, dass einen Tag nach der im Münchner Abkommen vereinbarten Besetzung des Sudeten Landes am ersten Oktober, die Gelegenheit nutzte, Truppen in das zur Tschechoslowakei gehörende Gebiet täschen an der Olsa schickte und es annektierte.
00:14:14: Trotz der wechselvollen Geschichte hält sich bis heute die Vorstellung, Polen sei immer nur Opfer benachbarter Großmächte gewesen.
00:14:21: Einer Umfrage von two-tausendneunzehn zufolge glauben vierundsiebzig Prozent, dass ihr Land mehr gelitten hat als andere.
00:14:28: Entstanden ist der Opfermythos in der Romantik – so meinte der Nationaldichter Ada Mikiewicz Polensei Der Christus der Nationen.
00:14:37: und noch zwei tausendsechzehn erklärte der damalige Verteidigungsminister Antonij Macierewicz.
00:14:43: dieses unglaubliche Matyrium das es nirgendwo sonst auf der Welt gibt dieser Versuch eine große europäische Nation durch das Zusammenspiel zweier Weltmächte und das Schweigen-und den Verrat unserer eigenen Verbündeten auszulöschen, all das wurde durch die Kraft des großen polnischen Geistes.
00:15:01: Die Kraft unserer nationalen Tradition, die Kraft unseres Glaubens überwunden, die uns sagte niemals aufzugeben oder zu
00:15:08: kapitulieren.".
00:15:15: Neben unverblümten Fakes, Fälschungen und Klischees spielt in der Geschichtspolitik vor allem das Rosinenpicken eine große Rolle.
00:15:22: Ruhmreiche oder vermeintlich rumreiche Phasen werden in helles Licht getaucht.
00:15:27: Niederlagen- und Shantaten lässt man lieber im Dunkeln.
00:15:31: Außerdem ist es grundsätzlich ein Irrweg über lange Zeiträume hinweg eine Kontinuität eines Landes beziehungsweise eines Volkes zu konstruieren.
00:15:39: Dafür gibt es in der turbulenten und wechselvollen Geschichte Europas zu viele Brüche.
00:15:44: Die Ästen, Polen, Russen, Deutschen und so weiter von heute sind sich untereinander näher als gegenüber ihren Vorfahren vor tausend Jahren.
00:15:51: Denn das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum.
00:15:57: In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse – wie Karl Marx einst schrieb.
00:16:04: Und das Ensembl der gestschaftlichen Verhältnisse ist heute nun einmal total anders als vor Tausend Jahre.
00:16:10: Schon rein sprachlich würden heutige Deutsche ihre Vorfahren von vor tausend Jahren nicht verstehen.
00:16:35: Alles klar?
00:16:36: Ganz zu schweigen, die territoriale Ansprüche in der Gegenwart aus dem Alten Testament ableitet.
00:16:43: So tut es die israelische Regierungspartei Likud schon in ihrem Programm von nineteenhundertsieben und siebzig, wo es heißt dass man Judea und Samaria gemeint ist das Westjordanland keine ausländischen Verwaltung übergeben werde denn zwischen dem Meer und dem Jordaan wird es nur israelische Souveränität geben.
00:17:04: all das heißt nicht das Geschichte bedeutungslos wäre.
00:17:07: Je kürzer eine Ära zurückliegt, umso mehr Einfluss hat sie auf eine aktuelle Situation.
00:17:13: Es bestehen dann Fahrtabhängigkeiten die nicht ohne weiteres verschwinden.
00:17:17: Je weiter man zurückgeht, um so dünner werden die Kontinuitäten jedoch.
00:17:21: Spätestens nach drei vier Jahrhunderten lösen Sie sich ganz auf.
00:17:25: Nationalistische Geschichtspolitik und ihre Feindbilder machen die Menschen zu Gefangenen der Vergangenheit.
00:17:31: Russland ist schon immer böse und deshalb kann man nur in der Sprache der Macht mit ihm reden.
00:17:37: Aber internationale Beziehungen sind ein Wechselspiel von Aktion, Reaktion, Reaction auf die Reaktionen und so weiter im Heute.
00:17:45: Lösungen für die Konflikte unserer Tage finden sich deshalb nur in der Gegenwart.
00:17:50: Dennoch muss man die Geschichtserzählungen ernst nehmen – allerdings auf allen Seiten!
00:17:55: Und sie kritisch unter die Lupe nehmen.
00:17:57: Denn Geschichtspolitik spielt eine wichtige Rolle im Kampf um die Köpfe.
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