»Sozialbetrugs­bekämpfung« ist organisierte Armenfeindlichkeit – von Joachim Krauß

Shownotes

Seit Jahren setzt Duisburg auf aktive Verdrängung von rumänischen und bulgarischen Staatsangehörigen. Mit neuen Maßnahmen zur »Bekämpfung von Sozialleistungsbetrug« findet diese Logik nun den Weg in die Bundespolitik.

Artikel vom 12. März: https://jacobin.de/artikel/duisburg-migration-armut-sozialleistung-bulgarien-sozialbetrug

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00:00:00: Sozialbetrugsbekämpfung ist organisierte Armenfeindlichkeit.

00:00:06: Seit Jahren setzt Duisburg auf aktive Verdrängung von rumänischen und bulgarischen Staatsangehörigen.

00:00:11: Mit neuen Maßnahmen zur BekämpFung von Sozialleistungsbetrug findet diese Logik nun den Weg in die Bundespolitik Von Joachim Kraus.

00:00:23: Ende Januar beschließt der Bundesrat auf Antrag von Nordrhein-Westfalen zwölf Maßnahmen zur BeckäMfFung vom Sozialeistungs.

00:00:28: betrug Die Forderungen richten sich primär gegen Schrottimmobilien und deren Bewohner schafft, ein Euphemismus für überwiegend von vulgarischen und rumänischen Staatsangehörigen bewohnte Wohnhäuser.

00:00:41: Wer in solchen Häusern wohnt soll künftig keine Sozialleistungen mehr erhalten ohne Gerichtsbeschluss allein auf Anordnung des Jobcenters.

00:00:50: Gefordert wird darüber hinaus die Einrichtung einer Bund-Länder Arbeitsgruppe zur organisierten Kriminalität im Bereich des Sozialeistungsbetrugs – Die Erstellung eines bundesweiten Lagebilds mit Prüfung einer Strafbarkeitslücke und der verstärkte Datenaustausch zwischen Polizei, Feuerwehr- und Jobcentern.

00:01:09: Beim Bezug staatlicher Leistungen sieht der Beschluss den offenen Verstoß gegen das EU-Gleichbehandlungsgebot vor.

00:01:16: Der Zugang zum Bürgergeld – und der Grundsicherung soll erst nach zwölf Monaten sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung gewährt werden Und die Höhe des Kindergeldes soll sich bei EU zugewanderten Nach dem Aufenthaltsort des Kindes richten.

00:01:30: Dieser Beschluss steht nicht alleine.

00:01:32: Die Sozialstaatskommission empfiehlt in ihrem kurz zuvor veröffentlichten Bericht bei EU-Zugewanderten, die Sozialleistungen an eine vollzeitnahe Beschäftigung zu knüpfen.

00:01:42: Auch das wäre ein Verstoß gegen das EU-Gleichbehandlungsgebot.

00:01:46: Ende November forderten wiederum die Arbeits- und Sozialminister der Bundesländer auf ihrer jährlichen Konferenz wirtschaftlich Inaktive – EU-Bürger sollten in Deutschland weiterhin den Krankenversicherungsregeln ihres Herkunftslandes unterliegen.

00:02:01: Auch das wäre ein fundamentaler Bruch mit dem europäischen Recht.

00:02:05: Dass die Initiative für solche Vorstöße aus Nordrhein-Westfalen, konkret aus Ruhrgebietstätten wie Duisburg kommt ist kein Zufall!

00:02:14: Der Duisburger Oberbürgermeister Sören Link – SPD verfolgt seit Jahren eine Agenda der Verdrängung.

00:02:21: Was als lokales Problem einzelner strukturschwacher Kommunen begann wird nun zur Blaupause bundesweiter Migrationspolitik.

00:02:29: Unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Sozialleistungsbetrug entsteht ein System organisierter Armenfeindlichkeit.

00:02:36: Und selbst die Opposition trägt es mit, so betont der Vize-Fraktionschef Andreas Audretsch von Bündnis Neunzig – Die Grünen im Bundestag.

00:02:45: Diesen betrügerischen Banden muss das Handwerk gelegt werden, denn ihre Machenschaften schaden auch besonders den vielen Menschen, die jeden Tag alles geben.

00:02:55: Faktenresistente Politik Um die Ursachen und Hintergründe zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die empirischen Grundlagen.

00:03:03: Eine kleine Anfrage von Bündnis Neunzig-Schrägstrich Die Grünen aus dem Sommer zweitausendfünfundzwanzig zeigt – Mit Geldstrafen.

00:03:29: Über die Staatsangehörigkeiten ist nichts bekannt.

00:03:32: Für NRW hatte das zuständige Innenministerium mitgeteilt, dass zwei Tausendvierundzwanzigzwei Drittel der Betrugsfälle deutschen Tatverdächtigen zugeschrieben wurden.

00:03:43: Zugewanderte aus Bulgarien und Rumänien stellten nur fünf Komma sechs Prozent der Tatverdechtingen.

00:03:49: um das in Kontext zu setzen Die Gesamtzahl vulgarischer und rumänischer Staatsangehöhriger in Deutschland umfasst eine Million dreihundertundzwanzigtausendneun, unter zweiundsiebzig Personen.

00:04:02: Davon sind siebenhundertachtundsechzigtausendeinhundertzehn sozialversicherungspflichtig oder geringfügig beschäftigt.

00:04:09: Die Beschäftigungskwote beträgt neunundsechszig Prozent.

00:04:12: Dass trotz dieser hohen Quote vierzehnkommaheinsprozent zusätzliche Sozialleistungen wie Bürgergeld beziehen verweist auf das strukturelle Problem der Aufstockung bei Niedriglohnbeschäftigung.

00:04:23: Dieser Zusammenhang wird allerdings ignoriert und stattdessen die Drohkulisse Sozialmissbrauch aufgebaut.

00:04:30: Angesichts dieser Zahlen sollte die SP DNRW eigentlich widersprechen.

00:04:35: Stattdessen treibt die Sozialdemokratie diese Politik auf allen drei föderalen Ebenen voran.

00:04:41: Auf Bundesebene spricht die Arbeits- und Sozialministerin Bärbel Baas von mafiosen Strukturen beim Bürgergeldbetrug, mit dem Hinweis aufgrund ihrer Duisburger Herkunft zu wissen wovon sie spricht – damit setzte sie den Grundton!

00:04:56: Im Bundesrat und der Arbeits- und Sozialministerkonferenz ASMK sind es SPD geführte Länder, die eine restriktive Beschlusslage verantworten.

00:05:06: Und auf kommunaler Ebene setzt die Duisburger Stadtverwaltung unter SPD Führung seit über einem Jahrzehnt auf Verdrängung statt Integration.

00:05:15: Oberbürgermeister Link formulierte das in Verbindung mit den Kommunalwahlen im Herbst twenty-fünfundzwanzig so.

00:05:21: Ich habe keine Lust verarscht und beschissen zu werden.

00:05:24: Das ist aber genau das was da passiert.

00:05:27: Diese Haltung ist bemerkenswert.

00:05:29: Als der Oberbürgermeister sein Amtantrat lebten sechstausend einhundertdreiundsiebzig bulgarische und rumänische Staatsangehörige in Duisburg.

00:05:37: Ende zweitausendfünfundzwanzig sind es fünfundzwansichtausendfünfundhundertneunu Endsechzig, eine Vervierfachung unter seiner Egide.

00:05:46: Entweder ist seine Politik gescheitert oder das Narrativ von der organisierten Kriminalität war von Anfang an falsch.

00:05:54: Im Oktober zweitausendsfünf und zwanzig erklärte Link im Spiegel außerdem, Menschen würden etwa fünf Stunden im Monat arbeiten um sich Ansprüche zu erschleichen.

00:06:05: Auch das hat mit der Realität wenig zu tun.

00:06:08: Ende Jahrzehntausend vierundzwanzig waren in Duisburg sechstausend neunhundertsechzehn bulgarische und rumänische Staatsangehörige sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

00:06:18: Nur ein kleiner Anteil arbeitet ausschließlich geringfügig.

00:06:21: Vierundachtzig Prozent der Bulgarien arbeiten deutlich mehr als geringfügig.

00:06:29: Allerdings pendeln rund thirty-fünf Prozent der Beschäftigten aus Duisburg in andere Städte oder in die Niederlande.

00:06:36: Das deutet darauf hin, dass das Problem eher im begrenzten Arbeitsangebot in Duisburgr liegt nicht in fehlender Arbeitsbereitschaft.

00:06:45: Abwanderung ist erwünscht.

00:06:50: Im September zwei tausend fünfundzwanzig verkündet die Stadt Duisborg eine positive Trendwende Die Zahl der bulgarischen und rumänischen Staatsangehörigen sei erstmals seit Jahren wieder rückläufig.

00:07:02: Dabei hat das nichts mit einer tatsächlichen Abwanderung zu tun.

00:07:06: So wurden etwa nach einer Kontrolle im Hochhaus weißer Riese, fünfhundert Menschen von Amtswegen abgemeldet.

00:07:13: Menschen verschwinden aus dem Melderegister, verlieren den Zugang zur Sozialleistungen, Gesundheitsversorgung und Kinderbetreuung – bleiben aber häufig in der Stadt!

00:07:23: Die verkündete Trendwende ist keine demografische Veränderung, sondern überwiegend eine administrative Bereinigung.

00:07:30: Und die Hat-Systeme!

00:07:32: Seit über zwölf Jahren kontrolliert die Duisburger Stadtverwaltung durch eine Task Force Problemimmobilien Wohnhäuser, die weitestgehend nur von vulgarischen oder rumänischen Zugewanderten bewohnt werden.

00:07:44: Zum Herbst zwei Tausendsechzehn erfolgte ein strategischer Paradigmenwechsel – die Hausbegehungen erfolgen seither unter der Logik des Brandschutzes.

00:07:54: Es ist ein Instrument des Sonderordnungsrechtes.

00:07:57: Ohne Voranmeldung, Güterabwägung oder präventive

00:08:00: Ansätze.".

00:08:02: Das erklärte Ziel der Taskforce war es laut Protokoll – der Lenkungsgruppe Netzwerkpartnerschaft Duisburg-Nord vom Herbst, durch die systematischen Räumungen die Zuwanderung zu verringern.

00:08:21: davon einhundertfünfzehn mit Nutzungsuntersagung.

00:08:24: Achtundzwanzig in der Sanierung und nur dreiundzwantig wurden wieder bewohnt.

00:08:29: Diese Häuser boten vormals weit über dreitausend Menschen Wohnraum.

00:08:33: Angesichts dieser Zahlen stellen sich zwangsläufig zwei Fragen, was geschieht mit diesen Immobilien nach der Räumung?

00:08:40: Und wer sind die Eigentümer?

00:08:42: Dass es darauf keine Antworten gibt ist bemerkenswert angesichts der stetigen Wiederholung.

00:08:47: Ein durchorganisiertes kriminelles System Würde Menschen nach Deutschland bringen, durch fingierte Arbeitsverträge Leistungsanrechte erzeugen und mit überhöhtem Mieten doppelten Gewinn abschöpfen.

00:08:58: Solche Konstellationen gab es bereits in den Jahren im Jahr die letzten Jahre.

00:09:02: Und sie existieren weiterhin.

00:09:05: Systematische Ausbeutung durch Vermieter- und Arbeitsvermittler ist real und dokumentiert.

00:09:10: Das Problem ist allerdings dass die Stadt nicht zwischen verschiedenen Eigentümerstrukturen unterscheidet.

00:09:15: Bei vielen der betroffenen Immobilien Handelt es sich um Eigentum von Kleinvermietenden, nicht selten selbst Migranten die in Immobilien investiert haben.

00:09:24: und nun zwischen mangelnden Sanierungsmitteln überzogenen brandschutztechnischen Anforderungen, die im Bestand kaum umsetzbar sind.

00:09:31: Zusätzliche Fluchtwege, Holztreppenhäuser als Brandlast und kommunalem Räumungsdruck stehen.

00:09:38: Wenn die Stadt ein Haus aufgrund Brandschutzbestimmungen räumt verliert der Eigentümer jegliche Einnahmen kann aber die laufenden Kosten- und Kredite nicht mehr bedienen.

00:09:48: Die Folge?

00:09:49: Zwangsversteigerung.

00:09:51: Genau hier setzt der Bundesratsbeschluss an, mit der Forderung nach kommunalem Vorkaufsrecht auch bei Zwangszweigerungen.

00:09:59: die Logik erst werden Häuser unter dem Vorwand des Brandschutzes geräumt und damit faktisch entwertet dann soll die Kommune diese entwerteten Immobilien günstig aufkaufen können.

00:10:10: was als Bekämpfung von Sozialleistungsbetrug verkauft wird ist faktisch ein Instrument zur kommunalen Immobilie Aneignung.

00:10:19: Nur einundzwanzig dieser geräumten Gebäude werden in Duisburg wieder zu Wohnzwecken genutzt, aber nicht für die vorherige Bewohnerschaft.

00:10:27: Die Stadt saniert die Häuser nicht und unterstützt überforderte Eigentümer nicht um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

00:10:34: Stattdessen erzeugen die verantwortlichen Leerstand – und sie gehen nicht strafrechtlich gegen die tatsächlich kriminellen Strukturen vor, jene die Menschen in überbelegten Wohnungen unterbringen, überhöhte Mieten kassieren und Vermittlungsgebühren von bis zu zweitausend Euro verlangen.

00:10:50: Es gibt keine kommunalen Programme zur Sanierungsförderung, keine aufsuchende Sozialarbeit, kein Quartiersmanagement das zwischen Bewohnern, Eigentümern und Behörden vermittelt.

00:11:00: Stattdessen operiert die Taskforce-Problem Immobilien nach dem Prinzip Kontrolle, Feststellung von Mängeln, Räumungsanordnung – fertig!

00:11:10: Diese Verdrängungspolitik lässt die tatsächlichen Profiteure unbehelligt während sie überforderte Kleinvermieter in den Ruin treibt und Menschen in noch prekärere Wohnverhältnisse zwingt.

00:11:21: Das städtische Wirken gleicht einer administrativen Maschinerie der Präkarisierung, organisierte Verdrängungspolitik.

00:11:31: Die Behauptungen eines systematischen Sozialleistungs- missbrauchs durch mafiöse Strukturen mag nicht überzeugen.

00:11:38: Sozialleistungen sind antragsbasiert und werden nach Prüfung bewilligt.

00:11:43: Jobcenter verfügen bereits über umfassende Kontrollmechanismen.

00:11:47: Sie können Nachweise verlangen, Hausbesuche durchführen, Konten überprüfen – bei Verdachtleistungen sofort stoppen und Verdachtsfälle an Ausländerbehörden melden.

00:11:57: Wenn systematischer Betrug in großem Maßstab stattfinden würde, wäre das nach Einschätzung des ehemaligen Sozialrichters Geiger ein massenhaftes Versagen oder eine Untätigkeit der Behörden.

00:12:09: Aber unterstellen wir rein hypothetisch das tatsächlich organisierte Strukturensozialleistungen systematisch abschöpfen.

00:12:18: Bei sechstausendzweihundert leistungsberechtigten in Duisburg würde dies ein jährliches Volumen von über sechszig Millionen Euro bedeuten, durchschnittliche Regelleistung plus Kosten der Unterkunft, neunhundert Euro pro Person und Monat.

00:12:32: Wenn tatsächlich Millionenbeträge systematische erschlichen werden sind die Strafverfolgungsbehörden schlicht spektakulär

00:12:39: inkompetent.".

00:12:41: Die fourhundertundzwanzig bundesweiten Fälle rechtfertigen keine Politik, die hunderttausende betrifft.

00:12:48: Schon seit Ende zwei Tausendsechzehn sind neu zugewanderte EU-Bürger systematisch von existenzsichernden Sozialleistungen ausgeschlossen – sowohl in den ersten drei Monaten nach Ankunft als auch bei der Arbeitssuche.

00:13:02: Als Notlösung gibt es sogenannte Überbrückungsleistungen maximal einen Monat lang Faktisch als Aufforderung zur Ausreise konzipiert.

00:13:13: Erst nach fünf Jahren ununterbrochenen Aufenthalts entsteht ein vollständiger Leistungsanspruch.

00:13:18: Diese Konstruktion schafft bewusst eine Grauzone der Rechtlosigkeit.

00:13:24: Die aktuelle Gesetzgebung, die explizit auf Verdrängung und Leistungsvermeidung setzt hat das Gegenteil bewirkt – Illegalisierung und Präkarisierung statt Ausreize.

00:13:34: Der Bundesratsbeschluss verschärft diese Ausgrenzung weiter.

00:13:37: Dabei sah der Koalitionsvertrag, eigentlich eine Bund-Länderarbeitsgruppe zur Verbesserung der Situation obdachloser EU-Bürger vor.

00:13:47: Sie kam nie.

00:13:48: Organisiert wird also nicht das Verbrechen sondern die Verdrängung.

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