Trump wird im Iran keinen schnellen Sieg erringen – Interview mit Andreas Krieg

Shownotes

Die USA und Israel haben Irans Kommandostruktur schwer beschädigt – doch das System ist darauf ausgelegt, Führungskrisen zu überstehen. So droht der Angriff zu einem längeren Konflikt zu werden, der in der Region und auf dem Weltmarkt für Chaos sorgt.

Interview geführt von Daniel Finn (05. März 2026): https://jacobin.de/artikel/iran-trump-krieg-voelkerrecht-nahost-israel-netanjahu-usa

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00:00:00: Trump wird im Iran keinen schnellen Sieg erringern.

00:00:04: Die USA und Israel haben Irans Kommandostruktur schwer beschädigt, doch das System ist darauf ausgelegt Führungskrisen zu überstehen – so droht der Angriff zu einem längeren Konflikt zu werden, der in der Region und auf dem Weltmarkt für Chaos sorgt.

00:00:19: Interview mit Andreas Krieg geführt von Daniel Finn Übersetzung von Tim Steins.

00:00:27: Am vergangenen Samstag haben die USA zusammen mit Israel den Iran erneut ohne Provokation angegriffen.

00:00:34: Seitdem werden täglich Bomben auf die islamische Republik abgeworfen.

00:00:38: Das verfassungsmäßige Staatsoberhaupt Ali Chaminay wurde bereits am ersten Tag getötet, seit dem wurden bereits über neunhundert weitere Tote gemeldet.

00:00:47: Wie lange dieser völkerrechtswidrige Krieg dauern soll und welches Ziel er verfolgt ist schwer abzuschätzen da Trump und sein Kabinett die eigenen Aussagen dazu ständig ändern?

00:00:57: Mal geht es nur darum, die angebliche Angriffsfähigkeit des Landes einzuschränken!

00:01:03: Mal geht es um offenen Regime Change.

00:01:06: Doch egal, was für ein Plan in Washington und Tel Aviv verfolgt wird, klar ist das die Region bereits jetzt in eine erneute höchst gefährliche Eskalationsspirale gezogen wird.

00:01:17: Andreas Krieg ist Associate Professor am Institut für Defense Studies des Kings College London sowie der Autor von Sociopolitical Order and Security in the Arab World.

00:01:29: Im Interview mit Jacobin spricht er über den Angriff auf den Iran dessen Reaktion und mögliche Entwicklungen in den kommenden Wochen- und Monaten.

00:01:39: Wie würden Sie die militärischen Schläge der USA und Israels sowie die iranische Reaktionen bislang zusammenfassen?

00:01:47: Die Vereinigten Staaten und Israel scheinen in der Anfangsphase das erreicht zu haben, was sie am meisten wollten – Kontrolle, freie Handlungsfähigkeit im Luftraum und eine destabilisierende Wirkung auf die obersten Kommando und Kontrollstrukturen des Iran.

00:02:01: Die Angriffe scheinen darauf ausgerichtet zu sein, einen ersten Korridor für Folgeoperationen zu schaffen.

00:02:07: Nach der raschen Ausschaltung der Luftabwehr soll zu einem anhaltenden Druck auf die Raketeninfrastruktur und die verbleibenden sensiblen Nuklearknotenpunkte des Iran übergegangen werden.

00:02:18: Die Reaktion des Iran war allerdings weitreichender als viele am Golf erwartet hatten.

00:02:23: Charakteristisch ist dabei nicht Präzision sondern dass es breite und vor allem wiederholte Angriefe gab.

00:02:29: Wir haben mehrere Angriffswellen in mehreren Golfstaaten erlebt.

00:02:32: Zwar wurden viele Raketen abgefangen, aber es gab trotzdem Durchschläge und auch Trümmerteile die physische Schäden und einen ernstzunehmenden psychologischen Schock verursacht haben.

00:02:42: In Qatar beispielsweise scheinen die Attacken vor allem auf Al-Udaidt Und die dortigen militärischen Einrichtungen ausgerichtet zu sein Aber Trümmerteile und gelegentliche Fehlschüsse haben den Krieg auch in katarische Wohngebiete getragen.

00:02:56: In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist die allgemeine Stimmung noch angespannter, da die Angriffe als weniger begrenzt und auch auf Stadtteile gerichtet wahrgenommen werden.

00:03:05: Zivile Ziele wurden getroffen – und Die Unruhe in der Bevölkerung nimmt tatsächlich zu!

00:03:11: Ich würde die bisherige Bilanz daher wie folgt beschreiben….

00:03:14: Eine amerikanisch-israelische Koalition hat die Lufthoheit übernommen und Kosten in der Führung während es dem Iran seinerseits gelungen ist, das Konfliktgebiet auszuweiten und die politischen sowie ökonomischen Kosten für Partner der USA zu erhöhen.

00:03:43: Ich

00:03:49: denke nicht dass eine Operation dieser Größenordnung zwangsläufig unvermeidbar war.

00:03:54: Allerdings hat das Aufmarschieren in eine Glaubwürdigkeitsfalle geführt.

00:03:58: Sobald man eine Haltung einnimmt, die offensichtlich auf einen Angriff hindeutet muss man entweder ein Abkommen erzielen, dass wie ein Sieg aussieht oder man muss in Kauf nehmen, dass bei einem Rückzieher die eigene Glaubwirklichkeit und Reputation leidet.

00:04:12: Der entscheidende Moment ist oft, daß die Verantwortlichen zu dem Schluss kommen der diplomatische Weg könne die wichtigsten Differenzen nicht überbrücken und warten würde das wahrgenommene Problem nur noch verschärfen, weil sich der Gegner anpassen und besser verschanzen kann.

00:04:27: Der Einfluss Israels spielt hier ebenfalls eine Rolle.

00:04:30: Wenn Israel der Ansicht ist dass ein Verhandlungsergebnis langfristig die Bedrohung nicht mindert wird es auf Maßnahmen drängen beziehungsweise mit eigenen Maßnahmen drohen.

00:04:40: Dadurch kann sich das zeitliche Spielfeld für die USA verkürzen.

00:04:44: Ich würde also sagen ,dass das Aufmarschieren nicht zwangsläufig in einen Krieg münden musste aber dass dadurch Verzögerungen in den Verhandlungen politisch schwieriger zu rechtfertigen waren.

00:04:54: Endlich etwas tun, wurde immer wahrscheinlicher als die Verhandlung an ihre bekannten Grenzen stießen.

00:05:01: Wie entscheidend war die interne Krise in der islamischen Republik?

00:05:05: Haben die Proteste vom Anfang des Jahres die Vereinigten Staaten und Israel dazu bewegt zu handeln?

00:05:13: Die interne Krise im Iran nach der Niederschlagung der Proteste war wohl eher eine begünstigende Bedingung als ein einzelner Auslöser.

00:05:21: Die Entwicklungen könnten in Washington und Jerusalem zu der Einschätzung beigetragen haben, dass das iranische Regime unter massivem Druck steht.

00:05:29: Und dass dieser Druck zur einer Spaltung der Elite oder zumindest zu einer Verschärfung der internen Dysfunktionalität führen könnte.

00:05:36: Ich möchte aber davor warnen dies überzubewerten.

00:05:39: Staaten die von außen angegriffen werden schaffen es oft die eigenen Reihen zu schließen.

00:05:44: Darüber hinaus kann Angst die Protestmobilisierung eher unterdrücken als fördern.

00:05:49: Mittelfristig dürften die jüngsten Proteste für politische Legitimität von Bedeutung sein.

00:05:54: In der aktuell ungewissen Kriegssituation sind sie aber kaum ein Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch.

00:06:14: Das Entscheidende ist, dass der iranische Staat darauf ausgelegt ist Führungskrisen zu überstehen.

00:06:20: Auch nach der Tötung von Chamenei und anderen hochrangigen Persönlichkeiten verfügt das System über Mechanismen für eine Übergangsführung- und Nachfolgeplanung, und ist in der Lage für einen bestimmten Zeitraum dezentral und im militärischen Führungsmodus zu operieren.

00:06:35: Es ist jedoch ungewiss wie lange dies aufrechterhalten werden kann bevor das System wieder eine klare zentrale Führung benötigt die Ressourcen priorisieren, Signale setzen und das eigenmächtige Handeln einzelner verhindern kann.

00:06:48: Wenn sich ein Nachfolger oder eine Übergangsführung schnell konsolidieren kann, kann der Iran sich neu ausrichten und Kohärenz zurückgewinnen.

00:06:56: Wenn die Konsolidierung hingegen langsam oder umstritten ist kommt es zu mehr Volatilität, mehr taktische Autonomie Einzelner und einer höheren Wahrscheinlichkeit von Fehl-Einschätzungen oder Fehlentscheidungen.

00:07:12: Hat das Land seine Fähigkeiten zu Vergeltungsschlägen unter Beweis gestellt, die im Juni twenty-fünfundzwanzig nicht durchgeführt wurden?

00:07:22: Die Reaktion des Iran scheint seiner bekannten Abschreckungsstrategie zu entsprechen ist jedoch in ihrer Tragweite eskalierender als im vergangenen Juni.

00:07:30: Ziel ist es zu demonstrieren dass sich um eine wirklich existenzielle Angelegenheit handelt und dass Tehran eine solche Bestrafungsaktion nicht stillschweigend hinnehmen wird.

00:07:41: Strategisch versucht der Iran dort Schaden anzurichten, wo seine Gegner politisch sensibel sind.

00:07:46: US-Stützpunkte in Drittländern – Der Luftraum über dem Golf und Handelsströme.

00:07:52: Hinzu kommt der psychologische Effekt, dass der Krieg nicht unbedingt dort drüben im Iran begrenzt bleiben wird.

00:07:58: Seitens des Irans heißt es man attakiere US Stützpunkte und nicht die jeweiligen Bevölkerungen am Golf aber Ungenauigkeiten Querschläger und Trümmer machen diese Differenzierung in der Praxis weitgehend bedeutungslos.

00:08:12: Meiner Meinung nach hat er Iran außerdem seine Bereitschaft gezeigt, wiederholte Angriffswellen zu starten und nicht nur eine einzige symbolische Salve abzufeuern.

00:08:21: Das ist wichtig weil damit einerseits Ausdauer- und Durchhaltewillen signalisiert und andererseits darauf abgezielt wird das Vertrauen in die jeweiligen Luftabwehrschilde zu untergraben.

00:08:33: Wie werden US Verbündete wie Saudi Arabien?

00:08:36: und die Vereinigten Arabischen Emirate auf Angriffe auf US-amerikanische Stützpunkte in ihrem Hoheitsgebiet reagieren.

00:08:45: Saudi-Arabien und die vereinigten arabischen Emiraten dürften die Angriffen auf US–Stützpunkte in erster Linie als nationale Sicherheitskrise betrachten.

00:08:55: Die unmittelbare Reaktion wird darin bestehen, die Luft-und Raketenabwehr zu verstärken, die Öffentlichkeit zu beruhigen und sich stillschweigend mit Washington über den weiteren Schutz der Streitkräfte abzustimmen.

00:09:07: Ich würde nicht davon ausgehen, dass diese Lage dazu führt das man sich offensiv beteiligen will.

00:09:13: Beide Regierungen haben gute Gründe es zu vermeiden als Mitstreiter in einem Krieg mit ungewissem Ausgang betrachtet zu werden.

00:09:20: Tatsächlich schadet der Konflikt bereits ihrem Ruf als sichere Ankerpunkte in der Region.

00:09:26: Allerdings könnte irgendwann die Toleranz gegenüber dem anhaltenden Druck des Iran ein Ende finden Wenn die Angriffe weitergehen und die Angst der Zivilbevölkerung zunimmt, könnte Stärke auf eine Lösung gedrängt und dafür die praktische Sicherheitszusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten intensiviert werden.

00:09:42: Wobei man sich allerdings politisch von den Zielen Israels distanziert.

00:09:47: Tatsächlich beobachten wir bereits heute dass Saudi-Arabien, Qatar und die Vereinigten Arabischen Emirate sich immer mehr in Richtung einer Vorwärtsverteidigung bewegen.

00:09:57: Im Laufe der Zeit könnte dies dazu führen, dass sie als eigene Verteidigungsmaßnahme auf Abschussbasen im Iran feuern.

00:10:04: Welche Auswirkungen wird die Situation voraussichtlich auf den globalen Ölpreis haben und wie kann sich dieser auf den Ausgang des Krieges auswirken?

00:10:14: Der Oeleffekt ist ein Risiko das weniger durch einen tatsächlichen Versorgungsausfall als viel mehr durch die Befürchtungen des Marktes mit Blick auf die weitere Entwicklung bedingt ist.

00:10:25: Blockaden in der Straße von Hormuz Angriffe auf Häfen steigende Versicherungskosten und anhaltende Sperrungen des Luftraums.

00:10:33: Höhere Preise können zwar die Einnahmen der Produzenten kurzfristig steigern, doch eine anhaltende Störung gefährdet das Geschäftsmodell der Region – und kann schnell zu einem globalen politischen Problem

00:10:44: werden.".

00:10:45: Mit Blick auf den Krieg ist es von Bedeutung da Washington's Handlungsspielraum so eingeschränkt und der externe Druck die militärische Kampagne zu beenden erhöht werden dürfte.

00:10:55: Diese Situation kann den Einfluss des Iran stärken, sofern das Land tatsächlich in der Lage ist Handelsflüsse dauerhaft zu stoppen ohne von Vergeltungsmaßnahmen vollständig überwältigt zu werden.

00:11:22: Für Washington heißt es wohl Mission Accomplished.

00:11:24: wenn man politisch kommunizieren kann Die Bedrohung durch den Iran sei verringert, sensible nukleare Infrastruktur zerstört oder beschädigt und die US- Streitkräfte geschützt.

00:11:35: Dann kann man aus einer Position der Stärke heraus wieder zur Diplomatie zurückkehren.

00:11:40: Israels Ziele gehen weiter.

00:11:42: Es strebt ein länger anhaltendes Ergebnis an bei dem der Iran seine strategischen Fähigkeiten nicht wieder aufbauen kann Und wenn er es doch versucht Israel die Handlungsfreiheit behält erneut zuzuschlagen.

00:11:54: Tehrans Ziel wiederum ist das Überleben und die Wiederherstellung der eigenen Abschreckung.

00:11:59: Man muss Washington davon überzeugen, dass ein eindeutiger und uneingeschränkter Sieg nicht zu erreichen ist – und dass Erfolge mit massiven Kosten einhergehen werden.

00:12:08: So soll eine Pause erzwungen und gleichzeitig vermieden werden, dass das Raketenprogramm aufgegeben werden muss, dass man nach dem Zusammenbruch des regionalen Netzwerks des Iranes als allerletzte Verteidigungslinie betrachtet.

00:12:20: Ich denke, wir sollten mit einem längeren und chaotischeren Konflikt als dem Zwölftagekrieg im Sommer twenty-fünfundzwanzig rechnen.

00:12:28: Das bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass ein konstanter Luftkrieг mit hoher Intensität geführt wird.

00:12:34: Realistischer ist ein langwieriger Konflekt mit Eskalationsspitzen und ruhigeren Phasen – eine intensive Anfangsphase gefolgt von Abnutzungskämpfen mit geringerem Tempo in denen der Iran versucht den Druck auf Israel und die US-Partner im Golf aufrechtzuerhalten.

00:12:51: Die entscheidenden Variablen sind, ob sich die iranische Führung schnell genug konsolidiert um die Eskalation zu kontrollieren und ob Washington Kriterien für ein Kriegsende durchsetzen kann, die im Inland politisch zu verkaufen sind ohne dass man in einen längeren Krieg hinein gezogen wird.

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