Shoppen und streiken schließen sich nicht aus – von Meagan Day
Shownotes
In einer E-Mail an Jeffrey Epstein behauptete der ehemalige Barclays-CEO Jes Staley, die Massen würden nicht gegen die Reichen revoltieren, weil der Konsumismus sie bei Laune halte. Doch ganz so leicht lässt die Arbeiterklasse sich nicht abspeisen.
Artikel vom 22. Februar 2026: https://jacobin.de/artikel/epstein-barclays-klassenbewusstsein-klassenkampf-arbeiterklasse-konsum-waren
Seit 2011 veröffentlicht JACOBIN täglich Kommentare und Analysen zu Politik und Gesellschaft, seit 2020 auch in deutscher Sprache. Die besten Beiträge gibt es als Audioformat zum Nachhören. Nur dank der Unterstützung von Magazin-Abonnentinnen und Abonnenten können wir unsere Arbeit machen, mehr Menschen erreichen und kostenlose Audio-Inhalte wie diesen produzieren. Und wenn Du schon ein Abo hast und mehr tun möchtest, kannst Du gerne auch etwas regelmäßig an uns spenden via www.jacobin.de/podcast.
Zu unseren anderen Kanälen: Instagram: www.instagram.com/jacobinmagde X: www.twitter.com/jacobinmagde YouTube: www.youtube.com/c/JacobinMagazin Webseite: www.jacobin.de
Transkript anzeigen
00:00:00: Shoppen und Streiken schließen sich nicht aus.
00:00:04: In einer E-Mail an Jeffrey Epstein behauptete der ehemalige Barclays C, I.O.
00:00:09: Jess Staley die Massen würden nicht gegen die Reichen revoltieren weil der Konsumismus sie bei Laune halte.
00:00:16: doch ganz so leicht lässt die Arbeiterklasse sich nicht abspeisen.
00:00:20: Von Megan Day Übersetzung von Tim Steins.
00:00:27: Nach der Veröffentlichung von weiteren drei Millionen Seiten Anfang Februar konzentrierten sich die Kommentarspalten und die allgemeine Debatte verständlicher, und richtigerweise auf die sexuelle Ausbeutung junger Frauen und Mädchen durch einflussreiche Männer.
00:00:46: Die Dokumente zeichnen aber auch ein umfassendes Bild davon wie die reichsten Männer der Welt denken und sprechen – und zwar nicht nur über Frauen!
00:00:55: Hier zum Beispiel eine E-Mail in Gesamtlänge und im Wortlaut von Jess Staley dem Ex-CEO des Finanzgiganten Barclays, der offenbar ebenfalls sexuelle Kontakte mit Frauen aus dem Appstienkomplex hatte.
00:01:08: Willst du wissen warum wir nicht Sao Paolo sind?
00:01:10: Schau dir einfach die Werbung zum Superbowl an!
00:01:13: Da gibt's nur hippe Schwarze mit hippen Autos und weißen Frauen – Die Leute, die auf die Straße gehen müssten wurden von Jay Seed gekauft.
00:01:22: Die Mail, mit Bezug auf Sao Paulo als unruhige Megacity in der es immer wieder zu Massenunruhen kommen kann gibt einen Einblick in die Denkweise der Finanzelite.
00:01:33: Die Reichen wissen offensichtlich, dass das ungerechte System, das sie so unvorstellbar reichgemacht hat eigentlich zu Volksaufständen führen müsste – auch in relativ reichen kapitalistischen Staaten, die ebenfalls von hoher Ungleichheit geprägt
00:01:48: sind.".
00:01:50: Warum kommt es also nicht häufiger zu Aufständen?
00:01:53: Staley's einfache Antwort lautet Die Konsumideologie hypnotisiert und lähmt die Massen mit der Aussicht darauf, ihren derzeitigen Status überwinden zu können.
00:02:03: Indem sie Prominente nachahmen – und möglichst viele Konsumgüter kaufen!
00:02:09: Staley behauptet hier offen, was viele Linke schon lange befürchten.
00:02:13: Die Arbeiterinnen und Arbeiter in reichen Gesellschaften seien derart gekauft, dass sie den Kapitalismus nicht mehr stürzen wollen oder können.
00:02:22: Neben vielen anderen Enthüllungen aus den Appstein-Files zeigt sich mit der Mail von Staley vor allem, dass die herrschende Elite nicht so unglaublich clever ist wie sie uns glauben machen möchte.
00:02:34: Trotz all ihres Reichtums und ihrer Macht sind Sie keine Übermenschen!
00:02:40: Sie sind Durchschnittsmänner mit fragwürdigen sexuellen Impulsen und schlechter Rechtschreibung.
00:02:46: Ihr Geld und ihr Einfluss zeugen nicht von Ihrer exquisit entwickelten Persönlichkeit oder Intelligenz sondern ausschließlich von der willkürlichen Ungerechtigkeit des Systems, das sie in ihre Position gebracht hat.
00:02:59: Mit anderen Worten – nur weil der ehemalige CEO von Barclays der Meinung ist, Arbeiterinnen und Arbeiter seien zu sehr vom Konsumdenken eingelult als dass sie ihm eines Tages seinen Thron streitig machen könnten muss das noch lange nicht der Wahrheit entsprechen!
00:03:16: Die gekaufte Arbeiterklasse die grundlegendste und beständigste Erkenntnis der marxistischen Tradition dass die einzelne Arbeiterin in unserer Gesellschaft zwar praktisch keine Macht hat.
00:03:28: Die Arbeiterklasse jedoch enorme Druck auf die Kapitalistenklasse ausüben kann, wenn sie geschlossen handelt und gemeinsam ihre Arbeitskraft verweigert.
00:03:38: Die Reichen sind funktional abhängig von der Volksamkeit aller anderen.
00:03:43: Ohne diese Volkssamkeit schwenden Ihre Profite – ihr Eigentum würde wertlos!
00:03:48: Und Sie würden zu gewöhnlichen Bürgerinnen und Bürgern.
00:03:51: Es wäre das Ende Ihrer Herrschaft.
00:03:54: Doch damit kommen wir sofort zur deutlich schwierigeren politischen Frage.
00:03:59: Wir stellen uns vor, was die Arbeiterschaft durch Solidarität und Militanz erreichen könnte – aber solche Zustände sind nicht leicht zu erreichen!
00:04:07: Es gibt viele entgegenstehende Kräfte sowohl materielle als auch ideologische, Bereits zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zeigten sich Sozialisten beunruhigt über ein besonderes Phänomen.
00:04:27: Arbeiter, die etwas mehr Geld hatten, schienen echte Freude daran zu haben Dinge zu kaufen – und das könnte möglicherweise ihren Revolutionseifer dämpfen!
00:04:37: In den Vereinigten Staaten schien es vielen Linken in der Nachkriegszeit, dass der Kapitalismus in den entwickelten Ländern der industriellen Revolution hinter sich gelassen hatte und in eine Phase, der Lochkarten-und-Landschboxen eingetreten war.
00:04:57: Aus revolutionärer Sicht hat dies einen schädlichen Effekt.
00:05:01: Die Arbeiterinnen und Arbeiter schienen recht zufrieden damit zu sein ihre neue Freizeit und ihr Geld für den Erwerb von Waren zu verwenden die über neue Medien wie das Fernsehen beworben wurden.
00:05:16: Das Aufkommen des wohlhabenden Arbeiters in den Neunzehnhundertsechzigerjahren schien jeder realistischen Hoffnung auf einen Arbeiteraufstand endgültig den Gahraus zu machen.
00:05:29: Schreibt der marxistische Soziologe Matthias Zick-Varul.
00:05:32: Viele Vertreter der neuen Linken beschäftigten sich in der Folge mit Antikonsumismus, was Zick Varul als eine Avantgard einiger weniger aufgeklärter die versuchen, die konsumabhängigen Massen von ihrer Sucht zu befreien.
00:05:46: Beschreibt.
00:05:47: diese Tradition der US-amerikanischen Linken führte sich seit dem Erscheinen des Whole Earth-Katalog.
00:06:13: Zweifelos.
00:06:13: steckt ein Körnchen Wahrheit in der Konsumismus-These oder der Theorie, dass die Konsumkultur den Willen der Massen zur gesellschaftlichen Transformation abstumpfen kann.
00:06:24: Aus rein psychologischer Sicht erscheint es intuitiv richtig – das Die Vermittlung von Fantasien man könne durch persönlichen Konsum über sein bisheriges Dasein hinauswachsen, Wir wissen, wie es sich anfühlt wenn wir unsere innigen Hoffnungen und Wünsche nach Zugehörigkeit Liebe Sicherheit oder Selbstachtung auf einen Kauf projizieren.
00:06:48: Wir sind von der Vorstellung besessen dass ein neues Outfit oder eine neue Wohnung endlich unsere grundlegenden emotionalen Bedürfnisse befriedigen wird was natürlich nie der Fall ist und auch nie der fall sein wird.
00:07:02: Es wäre produktiver die Erfüllung dieser bedürfnis durch eine groß angelegte gesellschaftliche Transformation zu verwirklichen.
00:07:11: Da wir aber nur über begrenzte Energie verfügen, gibt es hier zweifellos Zielkonflikte.
00:07:18: Allerdings lässt sich die Konsumismustheorie nicht vollständig mit der historischen Realität in Einklang bringen.
00:07:24: Die nineteenhundertfünfziger Jahre gelten als das Ideal der US-amerikanischen Konsumgesellschaft.
00:07:30: Sie waren jedoch auch der Höhepunkt der Gewerkschaftsdichte.
00:07:36: Mehr als ein Drittel der US-amerikanischen Bürgerinnen und Bürger gehörte damals einer Gewerkschaft an.
00:07:43: Und diese Gewerkschaften waren nicht untätig!
00:07:46: Im Laufe des Jahrzehnts gab es zweiundvierzichttausend vierhundertsechs und siebzig Arbeitsniederlegungen, darunter hunderte Großstreiks pro Jahr.
00:07:55: Allein am Stahlstreich.
00:07:57: neunzehnhundertneunundfünfzig waren Arbeiter von fast fünfhundert Betrieben in über fünfzig Städten beteiligt.
00:08:04: Eine halbe Million Menschen streigten einhundertsechzehn Tage lang und legten nahezu alle Stahlwerke in den Vereinigten Staaten lahm.
00:08:13: Die selbe Gesellschaft, die nach modernen Küchengeräten lächtste führte gleichzeitig einen erbitterten und militanten Kampf gegen die Kapitalistenklasse.
00:08:34: Die vermeintliche Überlegenheit des amerikanischen Kapitalismus gegenüber dem sowjetischen Kommunismus darlegte.
00:08:41: Unsere Stalarbeiter befinden sich, wie sie wissen, derzeit im Streik", sagte Nixon im Gespräch mit Nikita Krushtschoff.
00:08:49: Aber jeder Stalarbeiter könnte sich dieses Haus kaufen!
00:08:53: Die ikonischen nineteenhundertfünfziger Jahre waren eine Zeit mit hohen verfügbaren Einkommen, hohem Konsum und hoher Militanz zugleich.
00:09:02: Dies deutet darauf hin... dass die Dynamiken komplexer sind, als es die Konsumismustheorie vermuten lässt.
00:09:10: Das Konsumismusparadox?
00:09:14: Historische Paradoxien wie diese werden weniger irritierend wenn wir akzeptieren das zwei unterschiedliche Prozesse gleichzeitig stattfinden können.
00:09:23: Eine Gesellschaft kann gleichzeitig shoppen und streiken.
00:09:27: Der einzelne Mensch kann sich in Fantasien einer Lebensverbesserung durch Konsum verlieren Und gleichzeitig empört sein über Ungerechtigkeit und Ungleichheit.
00:09:36: Mir geht es jedenfalls so.
00:09:38: Dir, liebe Leserin, lieber Leser – möglicherweise auch?
00:09:44: Einigen linken theoretischen Ansätzen zufolge sind diese Impulse nicht so gegensätzlich wie sie erscheinen mögen.
00:09:51: In seiner sozialistischen Kritik am Antikonsumismus argumentiert Zick Warhol beispielsweise das die kapitalistische Konsumgesellschaft den Menschen paradoxerweise ein durchaus aufbauendes Gefühl der individuellen Wahlfreiheit und des Anspruchs auf Glück vermittelt.
00:10:08: Haben die Menschen ein wenig Geld in der Tasche, beginnen sie darüber nachzudenken was Sie damit machen können?
00:10:15: Dies führt unweigerlich zu Überlegungen darüber wie und wer sie gerne sein möchten.
00:10:21: Ein Tagtraum von persönlicher Weiterentwicklung den sich der Arbeiter dessen Gehalt lediglich die Grundbedürfnisse und sonst nichts deckt schlicht nicht leisten kann.
00:10:33: Konsumismus entfremdet Er kapert unsere intimen Wünsche nach Anerkennung und Selbstachtung, und lenkt sie in den Erwerb materieller Güter.
00:10:42: Lehrer Symbole für ein gutes Leben, die leicht zu einem billigen Ersatz für das wahre werden können.
00:10:48: Andererseits kann Konsumismus aber auch belebend sein und uns in einen autonomen Prozess der Selbstfindung versetzen.
00:11:05: Verkörpert als bestreben das, was Marx für den Kommunismus vorhergesagt hat?
00:11:09: schreibt Sigvaro.
00:11:11: Das klingt provokativ, wirkt aber zutreffend!
00:11:14: Die tatsächliche subjektive Erfahrung eines jungen Teenagers im Einkaufszentrum ist keine Erfahrung hypnotischer Benommenheit.
00:11:23: Es ist eine Erfahrung lebendiger Selbstwahrnehmung.
00:11:26: Man ist hellwach und blüht angesichts der Aussichten auf Persönlichkeitsbildung und Handlungsfähigkeiten auf.
00:11:33: Der Konsum von Waren kann also nicht nur betäubend wirken, sondern auch das eigene Bewusstsein schärfen.
00:11:39: Das Anspruchsdenken befeuern und das Verlangen nach Anerkennung und fairer Behandlung verstärken.
00:11:45: Der sozialistische Politikwissenschaftler Ishaï Lander argumentiert – dies stelle ein Problem für Kapitalisten dar.
00:11:52: Da der sich nun selbstbewusste Arbeiterkonsument auf dem Arbeitsmarkt unerbittlicher Ausbeutung und Demütigung ausgesetzt ist, und zusätzlich unter der offensichtlichen Ungerechtigkeit der Vermögensungleichheit zu leiden hat.
00:12:05: Der Verbraucher ist frei und hat Macht – der Arbeiter hingegen nicht!
00:12:10: Ein Widerspruch, der zu Spannungen innerhalb des Individuums führt.
00:12:15: Der Massenkonsum wird zu einem trojanischen Pferd innerhalb des kapitalistischen Gefüges gerade weil dieses System ihn nur unvollkommen bewältigen kann.
00:12:25: Solander Mit anderen Worten, dieselbe Klasse die vom Konsumismus profitiert, weckt auch Erwartungen die sie nicht erfüllen kann.
00:12:34: Und das ist gefährlich für Sie!
00:12:38: Traum und Realität.
00:12:41: Was machen wir also mit Staley's Einschätzung gegenüber Epstein?
00:12:45: Gerade diejenigen Menschen die den größten Grundsure wollte hätten würden durch Super Bowl Werbespots mit Hippenschwarzen in Hippenautos erfolgreich ruhig gestellt?
00:12:56: Staley ist wohl zu selbst sicher.
00:12:58: Wie viele linke Konsumkritiker geht er davon aus, dass eine sedierende Konsumkultur als Hemmstoff für Militanz wirkt?
00:13:05: Er übersieht dabei ihre stimulierenden Eigenschaften.
00:13:27: Staley selbst hatte keinen guten Start ins Jahr-Zwei-Tausend-Sechundzwanzig.
00:13:32: Sein Ruf ist durch die enge Verbindung zu Epstein beschädigt.
00:13:36: Wenn er sich die Zeit genommen haben sollte, sich mit Football von seinen persönlichen Problemen abzulenken, könnte er beim diesjährigen Super Bowl das Konsumismusparadoxon live in Aktion gesehen haben.
00:13:49: Der puertorikanische Superstar Bad Bunny präsentierte Amerika eine perfekte Mischung aus glitzandem Promi-Konsumismus und rotzigem Selbstbewusstsein mitten ins Gesicht der gewaltaffinen Einwanderungs- und Zollbehörde ICE.
00:14:05: Wäre Stalys Sichtweise richtig, hätte das wohl konsumistischste Ereignis im US-Jahreskalender lediglich den Effekt haben müssen die Menschen im Land zu besänftigen und von der aktuellen Krise abzulenken, die sie gegen die herrschende Klasse aufbringt.
00:14:19: Stattdessen waren im ganzen Land während Bad Bunny's Auftritt, Sprechköhre mit dem Slogan Fuck ICE zu vernehmen.
00:14:27: Mehr noch!
00:14:28: Eingebettet zwischen Werbespots für Pickup-Trucks und Abnehmpillen wurde ein beeindruckender Clip mit Opfern des abstehenschen Missbrauchsystems ausgestrahlt – der maximale Aufmerksamkeit auf diesen Skandal lenkte, das Daylight und weite Teile der globalen wirtschaftlichen und politischen Elite erschüttert.
00:14:47: Die selbsternannten Masters of the Universe mögen sich einbilden, dass sie die Arbeiterklasse mit Konsumgütern und Promi-Spektakel kaufen und ruhig stellen können.
Neuer Kommentar