Wie Marxisten das Mittelalter sehen – von Paolo Tedesco

Shownotes

Klassengesellschaften gab es schon vor dem Kapitalismus: Die Antike und das Mittelalter hatten ihre eigenen Systeme der Ausbeutung. Die marxistische Geschichtsschreibung zeigt uns, wie sie funktionierten – und was uns ihr Niedergang über die Zukunft sagt.

Artikel vom 26. Oktober 2022: https://jacobin.de/artikel/wie-marxisten-das-mittelalter-sehen-geschichte-kapitalismus-paolo-tedesco

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00:00:00: Wie Marxisten das Mittelalter sehen.

00:00:04: Klassengesellschaften gab es schon vor dem Kapitalismus.

00:00:07: Die Antike und das Mittelalter hatten ihre eigenen Systeme der Ausbeutung.

00:00:11: Die Marxistische Geschichtsschreibung zeigt uns, wie sie funktionierten und was uns ihr Niedergang über die Zukunft sagt.

00:00:25: Als aufmerksame Beobachter der Geschichte befasten sich Karl Marx und seine Nachfolger vorrangig mit dem Aufstieg des Kapitalismus, seiner Ausbreitung in der Welt und den Möglichkeiten, ihn zu überwinden.

00:00:37: Durch das Prisma des historischen Materialismus und seiner grundlegenden Begriffe hofften sie zu erkennen, unter welchen Bedingungen sich die historischen Klassengesellschaften entwickeln konnten, bevor sie unter der Last ihrer internen Widersprüche zusammenbrachen.

00:00:52: Der analytische Rahmen, den diese Forschenden entwickelten, war ausgesprochen einflussreich, wie es jedoch grundlegende Schwächen auf.

00:01:00: In den letzten Jahrzehnten haben Historikerinnen und Historiker der marxistischen Tradition diese Schwächen aufgedeckt und alternative Ansätze erarbeitet.

00:01:09: Diese Erneuerung der marxistischen Theorie ermöglicht es, die vorkapitalistischen Epochen auf ihre eigenen Grundlage zu betrachten, statt sie lediglich zum geschichtlichen Vorzimmer des heraufziehenden Kapitalismus zu erklären.

00:01:21: Gerade dies hatte nämlich in der Vergangenheit den aus marxistischer Sicht paradoxen Effekt den Kapitalismus als natürliche Stufe der kapitalistischen Entwicklung erscheinen zu lassen.

00:01:33: Marx und das Mittelalter.

00:01:36: Marx Interesse an vergangenen Gesellschaften entsprang seiner Suche nach einem allgemeinen Mechanismus gesellschaftlicher Transformation.

00:01:44: Dieser, so die Hoffnung, sollte nicht nur den Aufstieg des Kapitalismus, sondern auch seinen vorhersehbaren Niedergang erklären.

00:01:52: Für Marx vollzog sich Geschichte als Abfolge von Entwicklungsstufen, von der Antike über den Feudalismus zum Kapitalismus und schließlich dem Sozialismus.

00:02:02: Den Übergang von einer Stufe zu anderen erklärte Marx durch Veränderungen in der Produktionsweise, die wiederum aus technologischen Transformationen und anderen Faktoren hervorgehen, und den Kämpfen der sozialen Klassen, die durch die jeweilige Produktionsweise hervorgebracht wurden, Herren und Sklaven, Landadel und Leib-Eigene, Bourgeoisie und Proletariat.

00:02:23: Marx charakterisierte geschichtliche Epochen, Ur-Kommunismus, Antike, Feudalismus oder ein bestimmtes Ensemble ökonomischer Beziehungen, wofür er mit unter Begriffe wie Germanisch, Slavisch oder Asiatisch verwendete, also als Produktionsweisen.

00:02:40: Die Schriften, die er dazu verfasste, sind jedoch Waage.

00:02:44: Diese Unklarheit spiegelt sich auch im Großteil der nachfolgenden marxistischen Literatur wieder.

00:02:49: In den letzten Jahren veröffentlichte der britische Historiker Perry Anderson sein Hauptwerk von der Antike zum Feudalismus, Spuren der Übergangsgesellschaft.

00:03:00: Es war der bis dahin systematischste Versuch, die vorkapitalistischen Phasen der Geschichte zu untersuchen und in das allgemeine Theoriegebäude des Marxismus zu integrieren.

00:03:11: Anderson folgte Marx-Stufenmodell der europäischen Geschichte sehr genau.

00:03:15: Er argumentierte jedoch, dass der für den Aufstieg und den Fall der klassischen Antike verantwortliche, wirkliche Mechanismus nicht der Klassenkampf an sich, sondern der dynamische Widerspruch zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen war.

00:03:31: In der klassischen Antike, ein Zeitraum, der von etwa fünfhundert vor unserer Zeitrechnung bis fünfhundert unserer Zeitrechnung andauerte, existierten zwei Formen der ökonomischen Organisation nebeneinander.

00:03:43: Anderson bezeichnete sie als Sklavenhalterwirtschaft, Slave Mode of Production und überdauernde und deformierte primitive Produktionsweise, Distended and Deformed Modes of Production.

00:03:55: Anderson betrachtete diese Produktionsweisen als Manifestation zweier entgegengesetzter politischer Kräfte.

00:04:02: Auf der einen Seite die antiken Reiche, insbesondere das römische Reich von zweihundert vor unserer Zeitrechnung.

00:04:08: bis Zweihundert und Z, und auf der anderen jene Gesellschaften, die an den Rändern dieser politischen Gebilde verortet waren, die nomadischen Stämme beziehungsweise die germanischen Völker.

00:04:19: Der katastrophale Zusammenprall dieser beiden in Auflösung begriffenen alten Produktionsweisen, primitiv und antik, brachte letztlich die feudale Ordnung hervor, die sich über das mittelalterliche Europa ausbreitete.

00:04:33: Zwischen dem Ende der klassischen Antike und der vollends entwickelten Leib-Eigenschaft klaffte eine Lücke, die die feudale Produktionsweise des späten Mittelalters kennzeichnete.

00:04:44: Anderson entwickelte das Konzept einer hybriden Form der Arbeitsorganisation, das spätrömische Kolonat, um die sechs Jahrhunderte zwischen dem Niedergang der Antikensklaverei und der Geburt der mittelalterlichen Leib-Eigenschaft zu beschreiben.

00:04:58: Als er sich schließlich dem Geburtsort des Feudalismus und der Leipeigenschaft zuwandte, differenzierte Anderson zwischen den unterschiedlichen Entwicklungen in West- und Osteuropa.

00:05:08: Auf dem westlichen Kontinent ließ sich bereits im fünften Jahrhundert ein tiefgreifender Prozess des sozialen Zerfalls und der Mutation feudaler Strukturen erkennen.

00:05:17: In Osteuropa hatte der Feudalismus wiederum den Ausgangspunkt der westeuropäischen Feudalgesellschaften erreicht, freue jedoch an diesem Punkt ein, ohne ihre späteren Entwicklungen nachzuvollziehen.

00:05:30: Die Grenzen des traditionellen Marxismus.

00:05:34: Andersons von der Antike zum Feudalismus stellte den bis dahin ambitioniertesten Versuch da, eine marxistische Großerzählung der Weltgeschichte zu entwickeln.

00:05:43: Die Schrift zeichnet sich vor allem durch ihre unmissverständliche Klarheit und ihren enormen Umfang aus.

00:05:50: Andersens wichtigster Beitrag besteht jedoch gerade darin, die Grenzen von Marx universalem Stufenmodell der historischen Entwicklung aufgezeigt zu haben.

00:05:59: Dieses Schema war in doppelter Hinsicht irreführend.

00:06:02: Erstens begriff dieses Modell Europa als Vorläufer für die Entwicklung der gesamten Weltgeschichte.

00:06:08: Im Zuge dessen schrieb Marx dem Übergang von der Antike zum Feudalismus und schließlich zum Kapitalismus eine universelle, evolutionäre Bedeutung zu.

00:06:17: Wenn andere Teile der Welt keinen Feudalismus hervorgebracht hatten, so war das diesem Schema zufolge als Ausnahme von der Regel zu begreifen, die Europa angeblich so beispielhaft verkörpere.

00:06:28: In der Zwischenzeit haben Historikerinnen und Historiker allerdings überzeugend dargelegt, dass der Feudalismus in nicht europäischen Gesellschaften viel verbreiteter war, als bisher angenommen wurde.

00:06:39: Sie haben außerdem gezeigt, dass Regime in ganz Eurasien inklusive der sogenannten asiatischen Despotien in Indien, China und anderen Regionen, gemeinsame Wurzeln in der Bronzezeit und ihrer urbanen Revolution besaßen.

00:06:54: In Ost und West stellten solche Regime Varianten von Gesellschaften dar, die man als Tributsysteme bezeichnen könnte.

00:07:01: Wenn mehr kantilistischer Reichtum und der Tausch von Währungen die Zahlungsmittel des westlichen Föderlismus darstellten, so muss selbiges auch für die Regime des restlichen Eurasiens gegolten haben.

00:07:12: Gemeinschaften von Händlern und Kaufleuten waren kosmopolitisch.

00:07:16: Überall, wo um prestige und kulturellen Einfluss gerungen wurde, organisierten sie sich in ähnlicher Weise und stießen auf vergleichbare Widerstände.

00:07:24: Das marxistische Schema ist aber auch in einer weiteren Hinsicht trügerisch.

00:07:28: Es beschreibt historische Übergänge als Abfolge klar abgrenzbarer Modi, der Aneignung von Mehrarbeit, Zunächst als Übergang von der Sklaverei der Antike zur Leipeigenschaft des Mittelalters und schließlich zur Lohnarbeit kapitalistischer Gesellschaften.

00:07:44: In Wirklichkeit waren die Methoden mittels derer die besitzenden Klassen sich das Mehrprodukt der unmittelbaren Produzenten aneigneten, viel unbeständiger und zufälliger als es das Modell nahelegt.

00:07:56: Wenn wir uns einer konkreten Untersuchung antiker und mittelalterlicher Quellen zuwenden, finden sich für eine solche traditionelle Darstellung keine Beweise.

00:08:05: Die Vorstellung, dass die Sklaverei die ökonomische Basis der antiken Gesellschaften darstellte, ist beispielsweise schlicht und ergreifend falsch.

00:08:13: Wenn man einmal von einigen wenigen Regionen und vergleichsweise kurzen historischen Zeitabschnitten absieht, wie etwa der späten römischen Republik und dem frühen römischen Reich, zweihundert vor unserer Zeit bis einhundert unserer Zeit, spielte die Sklavenarbeit in der antiken Welt gerade in der Landwirtschaft eine untergeordnete Rolle.

00:08:32: Gleichzeitig überdauerte die Sklaverei in ländlichen Gebieten in Europa und dem Nahen Osten noch bis zum Mittelalter.

00:08:40: Das zeigt sich etwa in der an Landbesitz gebundenen Sklaverei, die im Mittelmeerraum weit verbreitet war, wie auch an den seltenen, aber extremen Fällen der sklavenbasierten Plantagenwirtschaft im Irak des zehnten Jahrhunderts oder im Iran des dreizehnten Jahrhunderts.

00:08:55: Ebenso ertümlich ist die Annahme einer notwendigen Beziehung zwischen Leib-Eigenschaft und Feudalismus.

00:09:01: Feudalsysteme existierten innerhalb wie außerhalb Westeuropas, aber die Leipeigenschaft war nicht für all diese Gesellschaften charakteristisch.

00:09:09: Indien und China bilden beispielsweise bedeutende Ausnahmen.

00:09:13: Schlussendlich ist selbst die Lohnarbeit kein Alleinstellungsmerkmal kapitalistischer Gesellschaften, denn sie war sowohl in der Antike als auch im Mittelalter verbreitet.

00:09:22: Gleichzeitig lassen sich viele Beispiele für Sklaverei oder Vertragsknechtschaft innerhalb kapitalistischer Gesellschaften finden, angefangen bei den gigantischen Plantagen des vorrevolutionären Haiti bis hin zur Ausbeutung migrantischer Arbeiterinnen und Arbeiter in den heutigen Golfstaaten.

00:09:40: Chris Wickham und der andere Übergang.

00:09:44: Nachdem marxistische Historikerinnen und Historiker die Schwächen des traditionellen marxistischen Schemas erkannten, begannen sie, einen neuen Bezugsrahmen zur Interpretation vorkapitalistischer Gesellschaften zu entwickeln.

00:09:56: Drei gegenwärtige marxistische Wissenschaftler haben dazu einen besonderen Beitrag geleistet.

00:10:02: Einer von ihnen ist der Mittelalter-Historiker Chris Wickham, der sich auf Europa und den Mittelmeerraum spezialisiert hat.

00:10:09: Wickham hatte den dogmatischen Ansatz des Marxismus zum ersten Mal in einem bahnbrechenden Artikel von nineteenhundert vierundachtzig in Frage gestellt.

00:10:18: The other transition from the ancient world to feudalism.

00:10:22: Der andere Übergang von der antiken Welt zum Feudalismus.

00:10:26: Im Jahr zwei tausend fünf veröffentlichte er mit Framing the Middle Ages, Europe and the Mediterranean, vierhundert bis achthundert das Mittelalter einordnen, Europa und der Mittelmeerraum Vierhundert bis Achthundert, eines der einflussreichsten Bücher über den Übergang von der Antike zum Mittelalter.

00:10:45: Wickham widersetzt sich der vereinfachten Vorstellung, dass sich der Übergang von der Antike zum Mittelalter durch eine eindeutige Trennung von Sklaverei und Leipeigenschaft auszeichnet.

00:10:55: Die Gegenüberstellung von Produktionsweisen, die er anstelle dessen vorschlägt, bezeichnet er als Antik oder Tributär und Feudal.

00:11:04: Die erste dieser beiden Produktionsweisen zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Macht in den Händen einer kleinen Elite an der Spitze des gesellschaftlichen Herrschaftsgefüges bündelt, während sie bei der zweiten hauptsächlich von lokalen Kriegsherren ausgeübt wurde, denen ein verhältnismäßig schwacher Herrscher übergeordnet war.

00:11:22: Historische Formationen des antiken oder tributären Modells umfassen das römische, byzantinische und fränkische Reich sowie das Abbasiden-Kalifat.

00:11:32: Die herrschenden Eliten an der Spitze dieser Regime hatten eine starke Stellung, weil sie mindestens zwei essentielle Instrumente im institutionellen Gefüge dieser Gesellschaften beherrschten.

00:11:43: Zum einen kontrollierten sie ein strategisches Element des Produktionsprozesses, die Sammlung und Verwaltung standardisierter Informationen.

00:11:51: Ihre administrative Rolle erlaubte es ihnen, Statistiken zu Eigentum, Einkommen, Demografie und Produktivität ihrer Herrschaftsgebiete anzufertigen.

00:12:01: Diese Fähigkeit zur Informationsverarbeitung war der Schlüssel zum Erfolg des tributären Staatsprojekts.

00:12:07: Zum anderen kontrollierten die herrschenden Eliten ein strategisches Element der Zwangsausübung, nämlich ein stehendes Heer von überlegener militärischer Schlagkraft.

00:12:16: Dadurch konnten Herrscher den Tribut über eigene Bedienstete eintreiben, statt auf die Unterstützung lokaler Fürsten angewiesen zu sein.

00:12:24: Sie waren außerdem in der Lage, den Zugriff dieser Fürsten auf verschiedene Ressourcen und damit auf das ökonomische Mehrprodukt zu beschränken.

00:12:32: Die Fürsten waren dadurch von den Einnahmen abhängig, die ihnen von den Eliten zugeteilt wurden.

00:12:38: Tributökonomie und Bauernwirtschaft.

00:12:42: Diese politischen Strukturen waren darauf angewiesen, der Landbevölkerung Tribut abzuverlangen, die hoch genug waren, um die zentralisierte Maschinerie ihrer Macht aufrecht zu erhalten.

00:12:52: Ein Hof, eine Bürokratie, eine besoldete Armee.

00:12:56: Das Einsammeln und Verteilen von Tributleistungen hatte aber auch zwei wichtige Nebeneffekte für die Wirtschaft.

00:13:02: Zunächst waren die Bauern dazu gezwungen, einen größeren landwirtschaftlichen Überschuss zu erwirtschaften, um die Steuerforderungen des Staates erbringen zu können.

00:13:11: Außerdem beflügelte dieses Arrangement die Profite der Kaufleute auf den langen Handelsrouten, die einst etabliert worden waren, um die Verteilung staatlicher Einnahmen zu gewährleisten.

00:13:21: Mit dem Niedergang der tributgestützten Reiche endete auch dieses Arrangement ökonomischer Integration.

00:13:28: Aus diesem wirtschaftlichen Zerfall gingen die Lokalisierten, wie Wickham sagen würde, feudalen Ökonomien hervor.

00:13:35: Im Gegensatz zu den antiken Gesellschaften zeichneten sich die neuen Feudalsysteme durch den Vorrang der Politik der Landereien, Politics of the Land und eine Dezentralisierung der Zwangsmittel aus, die nun in die Hände lokaler Landbesitzer wanderten.

00:13:50: Der Besitz und die unmittelbare Kontrolle von Ländereien war der ausschlaggebende Faktor, um in einer solchen politischen Formation Macht ausüben zu können.

00:13:59: Der König oder der örtliche Magnat wurden nicht durch ihre formelle Rolle im Staat oder aufgrund ihrer offiziellen Ämter zu den mächtigsten Akteuren eines bestimmten Gebietes, sondern aufgrund ihres massiven Besitzes an Ländereien und der unmittelbaren Kontrolle, die sie über die dortige Bevölkerung ausübten.

00:14:16: In Europa entwickelten sich diese Gesellschaften nach dem Untergang des Römischen Reiches, in Asien nach dem Zusammenbruch des Abbasiden-Kalifaz und der Tang-Dynastie.

00:14:26: In Afrika entstanden sie nach dem Niedergang von Axum und des Reiches von Ghana.

00:14:31: In Abwesenheit eines zentralisierten Steuersystems konnten Herrscher keine direkte Kontrolle über ihre Territorium mehr ausüben.

00:14:39: Landbesitz und der Zugriff auf Bodenrenten entwickelten sich so zur Hauptquelle des Reichtums aller Könige, Aristokraten und Fürsten.

00:14:47: Innerhalb dieser Definition einer feudalen Gesellschaft war es möglich, jedoch keinesfalls unausweichlich, dass sich eine politische und soziale Ordnung entwickelt, die auf Leib-Eigenschaft im engsten Sinne beruht, so wie es in Europa nach dem Untergang des fränkischen Reiches der Fall war.

00:15:03: Die Ordnung des Lehnswesens, bei dem der Fürst seinen Vasallen unter der Auflage bestimmter Bedingungen Grundbesitz zuteilte, implizierte auch die Verfügungsgewalt über die dort lebende Bauernschaft.

00:15:14: Es gibt viele denkbare soziale Konfigurationen, die zwischen der feudalen und der antiken Produktionsweise liegen.

00:15:21: Wickham fügt außerdem eine dritte Option hinzu, die er als bäuerliche Produktionsweise, peasant mode of production, bezeichnet.

00:15:30: Diese verweist auf die verschiedenen Formen der Bauernwirtschaft, in denen das Mehrprodukt durch keinen Staat oder Fürsten systematisch abgeschöpft wird.

00:15:39: Für diese Variante kennen wir viele Beispiele, wie die Gemeinden des italienischen Appenins oder des mittelalterlichen Eislands ebenso wie in der südostasiatischen Moderne.

00:15:50: John Halden und die tributgestützte Produktionsweise.

00:15:55: John Holden ist ein erfahrener Forscher auf dem Gebiet des byzantinischen Reiches, der sich ebenfalls für die vergleichende Analyse des Osmanischen Reiches und des Mogulreiches interessiert.

00:16:06: Wie Chris Wickham studierte Heldon bei Rodney Hilton, einem Gründervater der britischen Tradition marxistischer Geschichtsschreibung, seit den frühen.

00:16:16: Während sich Historiker wie Eric Hobsbawm, Christopher Hill, George Rudey und EP Thompson auf die frühe Neuzeit und die Moderne in Europa konzentrierten, erforschte Hilton das Mittelalter.

00:16:28: Ein besonderes Augenmerk legte er dabei auf die Bauernaufstände, denen er sein Buch Bond Man Made Free, Die Befreiung der Unfreien, von LGBTQII Wittmitte.

00:16:38: Haldans Sichtweise unterscheidet sich von der Wickhams im Hinblick auf Produktionsweisen im Übergang von der Antike zum Mittelalter.

00:16:46: Seine Argumentation zufolge besteht zwischen beiden Epochen eine grundlegende Kontinuität.

00:16:52: In Haldons Augen zeichneten sie sich beide durch eine einzige dominante Produktionsweise aus, die auf Tribut basierende Produktionsweise.

00:17:00: In seinem nineteenhundertneunzig erschienenen theoretischen Werk The State and Tributary Mode of Production, der Staat und die Tributäre Produktionsweise, verwendet Haldon den Begriff einer Produktionsweise der Tributzahlungen.

00:17:14: Der ägyptische Marxist Samir Amin hatte dieses Konzept ursprünglich entwickelt, um die unübersichtliche, unbeliebte und mehrheitlich bereits verworfene Kategorie der asiatischen Produktionsweise von Karl Marx zu ersetzen.

00:17:27: Haldon verwendet den Begriff jedoch eher in Anlehnung an die allum spannendere Definition, die Eric Wolf in seinem two-hundert-zwei-und-achtzig erschienenen Buch Europe and the People Without History Europa und das Volk ohne Geschichte vorstellt.

00:17:42: Haldon argumentiert, dass sich der grundlegende Vorgang der Aneignung des Mehrprodukts im Feudalismus ebenso wenig von der tributären Produktionsweise unterscheidet, wie die ökonomische Beziehung zwischen den Produzenten und den Produktionsmitteln, unabhängig davon, in welcher juristischen Kategorie diese Beziehung gefasst wird.

00:18:00: Die Bauern waren die ökonomische Basis der tributären Welt, ob nun nomadische Eliten, feudal Herren oder ein Staat an der Spitze des Herrschaftsgefüges standen.

00:18:11: Worin sich beide Produktionsweisen jedoch unterscheiden, ist die Frage, wie viel Kontrolle die herrschende Klasse über die Bevölkerung ausüben konnte.

00:18:19: Dies wirkt sich zwar auf die Ausbeutungsrate aus, ändert jedoch nichts am Wesen der Aneignung des Mehrprodukts.

00:18:26: Varianten des Tributs Es wäre falsch, Haldens tributäre Produktionsweise als einzelne gut ein- tausend Jahre andauernde historische Epoche zu betrachten.

00:18:37: Wäre dies der Fall, würde uns das Konzept kaum dabei helfen, die Herausbildung von Staaten oder jene konkrete politische Macht zu verstehen, deren Ausübung sich etwa in den verschiedenen Steuersystemen oder in Konflikten innerhalb der Eliten oder zwischen Eliten und zentralen Machtstrukturen verkörperte.

00:18:55: Der analytische Rahmen ist zu groß, um die graduellen Verschiebungen und Umwälzungen in den Unterstrukturen von Staat und Gesellschaft zu verstehen.

00:19:02: Es würde außerdem kaum zum Verständnis ökonomischer Beziehungen beitragen.

00:19:07: Haldorn hat Begriffe wie tributäre Produktionsweise, oder tributäre Produktionsverhältnisse in Anschlag gebracht, um die Terminologie der feudalen, nomadischen und bäuerlichen Produktionsweisen zu ersetzen.

00:19:20: Das erlaubt es uns, diese Bezeichnungen wiederum auf ganz bestimmte Gesellschaftsformationen anzuwenden.

00:19:26: Während nämlich all diese Formationen auf tributären Produktionsverhältnissen beruhen, sind sie durch spezifische historische Umstände und juristische Beziehungen voneinander getrennt.

00:19:37: Das bedeutet jedoch nicht, dass jede dieser historischen Konfigurationen eine eigenständige Produktionsweise darstellt.

00:19:43: Historische Gesellschaften, die auf der tributären Produktionsweise basieren, können entweder zu Zentralisierung oder zu Fragmentierung neigen, sogar zwischen beiden hin- und herschwanken oder sich in der Art und Weise unterscheiden, wie der Tribut angeeignet und verteilt wird.

00:20:00: Jairus Banaji und der kommerzielle Kapitalismus Obwohl sich Chris Wickham und John Holden nicht in der Frage einig sind, was überhaupt als Produktionsweise definiert werden kann, haben sie ein gemeinsames Ziel.

00:20:13: Sie wollen verstehen, wie verschiedene herrschende Eliten ihre bäuerliche Bevölkerung unterwerfen konnten und wie sie das gesellschaftliche Mehrprodukt einsetzten, das sie den Produzenten abnahmen.

00:20:25: Im Begriff verweisen die Tributäre und die feudale Produktionsweise auf soziale Schlüsselbeziehungen, die der politischen Autorität eines jeweiligen Gebiets die Aneignung und die Distribution eines Mehrprodukts ermöglichte.

00:20:38: Wir müssen allerdings beachten, dass ein Teil dieses Mehrprodukts nach seiner Aneignung als Tribut weder direkt verbraucht noch an entsprechende Stellen verteilt wurde.

00:20:47: Beinahe überall wurde ein Teil des Mehrprodukts in die Zirkulation und den Tausch geleitet.

00:20:52: Die Frage der Zirkulation steht im Fokus der Forschung von Jairus Banaji, einem Historiker des mittelalterlichen Mittelmeerraums und des Nahen Ostens, der sich ebenfalls mit der langen Geschichte des Kapitalismus befasst.

00:21:04: Seine wesentlichen Bezugspunkte am marxistischen Firmament unterscheiden sich von denen Wickhems und Haldens.

00:21:11: Er stützt sich auf das Werk zweier Russischer Intellektueller des zwanzigsten, Jahrhunderts, den Historiker Michael Pokrovsky und den Ökonomen Yevgeny Priobraschensky.

00:21:21: In seinem Buch A Brief History of Commercial Capitalism, eine kurze Geschichte des Handelskapitalismus, unterscheidet Banaji zwischen dem, was Marx die kapitalistische Produktionsweise nannte, also eine revolutionäre neue Gesellschaftsordnung, die erst seit zwei Jahrhunderten existiert und dem Kapitalismus in einem allgemeineren Sinne.

00:21:41: Dieser kann Banaji zufolge auch den Handelskapitalismus bezeichnen, der in bestimmten Weltregionen zwischen dem XII.

00:21:48: und dem XVIII.

00:21:49: Jahrhundert existierte.

00:21:51: Mit dieser Sichtweise stellt sich Banaji gegen einen Orthodoxen Marxismus, dem zufolge Handelsreichtum kein Kapital im Marxischen Sinne darstellt, solange dieser Reichtum dem Produktionsprozess äußerlich bleibt.

00:22:03: Er unterscheidet sich von dem, was Marx als reelle Subsumption der Arbeit unter das Kapital bezeichnet hat, da im Falle des Handelsreichtums lediglich Produkte der privaten Produzenten angeeignet und mit Gewinn verkauft werden.

00:22:17: Handel und Produktion.

00:22:20: Mit dieser alternativen Perspektive bezieht sich Banaji auf Marx selbst, der im dritten Band des Kapitals schrieb, der Produzent selbst könne Kaufmann und Kapitalist werden.

00:22:30: Oder aber, der Kaufmann bemächtigt sich der Produktion unmittelbar.

00:22:35: Marx verstand die zweite dieser möglichen Entwicklungslinien als weniger fortschrittliche Form des Übergangs zum Kapitalismus, da sie die Produktionsweise, also den Arbeitsprozess, unangetastet ließe.

00:22:48: Das Handelskapital verband die Sphären von Produktion und Zirkulation auf verschiedene Weise und zu verschiedenen Zeiten.

00:22:55: Seine lange Geschichte umfasst internationale Geldmärkte, Verlagsnetzwerke, die vertikale Integration der landwirtschaftlichen Produktion und Plantagengeschäfte.

00:23:05: Banaji macht die grundlegenden Ursprünge des Handelskapitalismus bereits in der Antike und der Frühzeit des Islam aus, bemerkt jedoch, dass es unmöglich ist, seine historische Herkunft genau zu bestimmen, wie es bei jeder epochalen Veränderung der Fall ist.

00:23:19: Kaufleute der islamischen Welt im zehnten Jahrhundert, organisierten kommerzielle Partnerschaften, finanzierten Reisen, transportierten Güter und kontrollierten den Seehandel des Mittelmeeres, des Nahen Ostens und des Indischen Ozeans.

00:23:34: Im elften Jahrhundert zeichnete sich die chinesische Song-Dynastie durch die städte Zunahme kapitalistischer Aktivitäten im Bergbau und der Eisenproduktion sowie einem rapiden Wachstum des Außenhandels und des Geldmarktes aus.

00:23:47: Kapitalistische Gruppen dominierten die merkantilen Städte Italiens und übten dort verschiedene Funktionen aus.

00:23:54: In Florenz organisierten sie häusliche Produzenten in Verlagsnetzwerken.

00:23:58: In Bologna investierten sie in die Produktion neuer Manufakturentwürfe, während sie in Genua und Venedig den Handel durch Wechselgeschäfte und Handelsbanken organisierten.

00:24:08: Die Basis der meisten produzierenden Gewerbe war die Arbeit beuerlicher Familien.

00:24:13: Ihre formale Subsumption unter das Handelskapital durch die Kanäle der Zirkulation beinhaltete die Aneignung gewaltiger Mengen unbezahlter Familienarbeit zum Vorteil der Kaufleute.

00:24:24: Banagis Modell des Handelskapitalismus ist eines der kombinierten Entwicklungen, nicht der linearen Abfolge zwischen verschiedenen Produktionsweisen.

00:24:34: Den Kapitalismus denaturalisieren.

00:24:38: Die Modelle, die Wickham und Heldon entwarfen, zeigen uns, dass es nicht entscheidend ist, ob wir ein, zwei oder drei Produktionsweisen identifizieren oder ob wir eine davon tributär oder feudal nennen.

00:24:50: Nützlichkeit eines Begriffs bemisst sich vielmehr daran, ob er im Stande ist, die historische Konfigurationen sozialer Veränderung zu beleuchten.

00:24:59: Gesellschaften entwickeln sich durch menschliche Interaktion.

00:25:02: Der Begriff der Produktionsweise soll die politischen und ökonomischen Beziehungen enthüllen, die diesen Interaktionen ihre Bedingungen auferlegen.

00:25:11: In Gesellschaften, die auf der tributären Schrägstrich feudalen Produktionsweise basieren, wird das Mehrprodukt durch Eliten angeeignet, es wird aber ebenso durch die Transaktion kommerzieller Mittelsmänner verteilt und getauscht.

00:25:23: Banagis arbeiten untersuchen die Umstände, unter denen Kaufleute die Expansion des Handels vorantrieben, während sie durch die Macht anderer gesellschaftlicher Gruppen dabei entweder unterstützt oder behindert wurden.

00:25:36: Die Unterschiede dieser verschiedenen Denkschulen sind bedeutsam, denn sie sind ein Abbild der Vielfalt der menschlichen Geschichte.

00:25:43: Wie Marx schrieb, kann der Produzent unter bestimmten Umständen zum Kaufmann und der Kaufmann zum Produzenten werden.

00:25:50: Immer wenn sich eines davon ereignete, expandierte das Kapital.

00:25:55: Diese Expansionen vollzogen sich aber auf unterschiedliche Weise.

00:25:58: Dies konnte von Umwälzungen der landwirtschaftlichen Beziehungen bis hin zu Veränderungen in der Welt des Handelsreichen.

00:26:05: Der Staat konnte hierbei eine entscheidende Rolle spielen.

00:26:08: Er konnte zur Triebfeder einer Wirtschaft weitreichender Kapitalexpansion werden, wie es beim Steuerwesen des späten römischen Reiches der Fall war.

00:26:16: Er konnte ebenso als Katalysator im Übergang vom Handelskapitalismus zur kapitalistischen Produktionsweise fungieren.

00:26:24: Im zehnten Jahrhundert ereignete sich die schlagartige Herausbildung nationaler Ökonomin, die stärker durch die große Industrie als den Handel an sich geprägt waren.

00:26:35: In der langen Zeitspanne zwischen diesen zwei Beispielen finden sich viele verschiedene Entwicklungslinien der Kapitalexpansion.

00:26:42: Die Varianten des organisierten Handelskapitalismus waren vielfältig.

00:26:46: Von den muslimischen Staaten über die chinesischen Königreiche und die transatlantischen iberischen Reiche, unterschieden sie sich nicht nur nach der Form ihrer Produktion, sondern auch nach dem Verhältnis von Kapital und politischer Autorität.

00:26:59: Die Stärke der marxistischen Strömungen, die hier beschrieben wurden, liegt gerade darin, diese Variabilität ernst zu nehmen.

00:27:06: Sie verstehen historische Umwälzungen nicht als bloßen Übergang von einer Produktionsweise zunächst.

00:27:12: Indem sie eine gesellschaftliche Analyse materieller Strukturen und historischer Prozesse entwickelten, schufen sie gleichzeitig eine Reihe von grundlegenden Begriffen, die die lineare Sichtweise auf die Geschichte ablehnen und den Eurozentrismus, der damit einhergeht.

00:27:28: Mehr als alles andere jedoch wenden sie sich gegen die Auffassung eines vorherbestimmten Pfads der Geschichte, dessen unausweichliches Ziel der Kapitalismus ist.

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