Als der Schiefe Turm nach links neigte – von David Broder

Shownotes

In den 1970ern eroberte die Kommunistische Partei Italiens in der Toskana ein Rathaus nach dem anderen, stritt für Wohnraum für alle und mehr Demokratie. Doch obwohl sie sich vom sowjetischen Modell distanziert hatte, konnte sie sich nach ‘89 nicht halten.

Artikel vom 16. Februar 2026: https://jacobin.de/artikel/toskana-pisa-florenz-italien-kommunisten

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00:00:00: als der schiefe Turm nach links neigte.

00:00:04: In den Neunzehnhundertsiebzigerjahren eroberte die kommunistische Partei Italiens in der Toskana ein Rathaus nach dem anderen, Schritt für Wohnraum für alle und mehr Demokratie.

00:00:14: Doch obwohl sie sich vom sowjetischen Modell distanziert hatte, konnte sie sich nach Neunundachtzig nicht halten – von David Broder Übersetzung von Tim Steins.

00:00:27: Am Elften September Neunzenhundertfünfundsebzig spielte die im Exil lebende chilenische Folkband Inti Illimani unter den mittelalterlichen Arkaden der Piazza della Signoria in Florenz und rief zur internationalen Solidarität auf.

00:00:41: Es war der zweite Jahrestag des Militärputsches, mit dem die sozialistische Regierung Chiles gewaltsam gestürzt, Augusto Pinochet an die Macht gebracht und ein Massaker begangen wurde das Menschen auf der ganzen Welt entsetzte.

00:00:54: Die aus der Heimat vertriebenen Inti Illimani trugen ihre rebellischen Botschaften nach Italien.

00:01:00: Das Mittelmeerland war damals sowohl ein wichtiges Zentrum der Chile-Solidarität als auch ein Ort, an dem sich ein bedeutender Durchbruch für die Linke abzeichnete.

00:01:10: Kurz zuvor bei den Wahlen im Juni hatte die kommunistische Partei Italiens – PCI – historische Höchststände erreicht.

00:01:18: Sie erhielt insgesamt mehr als elf Millionen Stimmen und übernahm die Macht in dutzenden Gemeinden im ganzen Land.

00:01:25: In der toskanischen Hauptstadt Florenz war der kommunistische ehemalige Partisan Elio Gabugiani nun Bürgermeister.

00:01:33: Im September hieß er Inti Ilimani, in seiner Stadt zur Fester de l'Unità del Partei Willkommen – einem Festival mit Musik, preiswertem Essen und linken Iconen aus aller Welt.

00:01:44: Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges waren die Kommunisten inzwischen die zweitstärkste Partei Italiens, blieben jedoch aus der nationalen Regierung ausgeschlossen.

00:01:54: Die erfolgreichen Kommunalwahlen weckten die Hoffnung man werde nun mit der schrittweisen Eroberung von Städten und Gemeinden auf den endgültigen Triumph zusteuern.

00:02:04: Schon bei den ersten Regionalwahlen des Landes, die nach der Ratifizierung der Nachkriegsverfassung um mehr als zwei Jahrzehnte verzögert worden waren war die Toscana eine der drei Hochburgen der PCI in Mittel- und Norditalien.

00:02:18: Gabugiani selbst war bereits vor seiner Zeit als Bürgermeister auf regionaler politischer Ebene tätig.

00:02:23: Mitte der Neunzehnhundertsiebzigerjahre waren dann viele Rathäuser der größeren Städte kommunistisch geworden neben Florenz beispielsweise auch das von Pisa.

00:02:33: Die Menschen in diesen beiden toskanischen Städten kommen nicht immer gut miteinander aus.

00:02:38: In beiden Stadtzentren erklären Graffiti den jeweils anderen Fußballverein für Merda und auch die PCI-Ortsverbände konkurrierten damals darum, wer die besseren Mobilisierer und Organisatoren sein.

00:02:50: In dieser turbulenten Periode der italienischen Geschichte mit einer nach wie vor aufstrebenden Arbeiterbewegung gab es in beiden Städte aber auch viele ähnliche Forderungen – das Italien!

00:03:02: Mitte der Neunzehnhundertsiebziger war nicht mehr das arme Land, dass sich aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs hochrappeln musste.

00:03:09: Es war eine industrialisierte Gesellschaft geprägt von steigendem Konsum aber auch von wachsenden feministischen Forderungen und einer starken studentischen Präsenz in den Städten.

00:03:19: Die Menschen erwarteten mehr als lediglich einen minimalen Lebensstandard.

00:03:23: Viele setzten große Hoffnungen in die Bürgermeisterinnen und Bürgemeister der PCI.

00:03:28: In den Jahren zuvor hatten die von Christ- und Sozialdemokraten geführten nationalen Regierungen bedeutende Reformen eingeführt.

00:03:35: Beispielsweise das Arbeitnehmerstatut, das Mehrarbeitsplatz Sicherheit garantierte.

00:03:42: Ebenso wurde die Scheidung per Gesetz legalisiert und in einem Referendum, in dem die Italienerinnen und Italienern für die Beibehaltung dieser Änderung stimmten – bekräftigt!

00:03:53: Es zeigte sich, dass Italien zunehmend weniger konservativ und patriarchal wurde.

00:03:59: Andererseits war der Fortschritt nicht ohne Konflikte – auch der Schritt für Schrittansatz der PC ein stieß innerhalb der Linken auf Kritik.

00:04:07: Der ostdeutsche Fotograf Thomas Billhardt, die kommunistisch regierte Toscana besuchte, hielt etwas von dieser Stimmung fest.

00:04:16: Seine Arbeit zeigte Menschen in der DDR-Bilder eines liberaleren Sozialismus, der die Menschen nicht hinter einer Mauer gefangen hielt.

00:04:24: Italienische Kommunisten, die zwischen mittelalterlichen Statuen in der Toscana Volksliedern lauschen, Parteizeitungen studieren und Pizzinudeln genießen.

00:04:33: Seine Bilder erschienen in dem Fotoband, noch steht der schiefe Turm.

00:04:40: Dieser Titel erscheint doppeldeutig.

00:04:42: So deutet er treffend darauf hin, dass die Herrschaft der PCI nicht zum von vielen Gegnern heraufbeschworenen Chaos und Zerstörung geführt hatte aber ebenso das die neu gewonnenen roten Festungen möglicherweise nicht für immer bestehen würden.

00:04:57: Die Linke erstarkt.

00:05:00: Die Kommunisten in Kriegszeiten die größte Kraft im antifaschistischen Widerstand hatten nach Ende des Zweiten Weltkrieges kurzzeitig hohe Ämter in den Rathäusern von Pisa und Florenz sowie auf nationaler Ebene in Rom übernommen.

00:05:13: In den ersten beiden Jahrzehnten des Kalten Krieges konnte die PCI jedoch nicht mehr Teil einer Regierung werden, da die bürgerlichen und natofreundlichen Christdemokraten die stärkste Kraft waren – und somit über die Bildung von Koalitionen entscheiden konnten!

00:05:28: In den neunzehnhundertsechziger Jahren errang die PC ein, in den toskanischen Städten regelmäßig rund ein Drittel der Stimmen jedoch nie eine Mehrheit.

00:05:38: Mit dem Entstehen einer modernen weniger hierarchisch gegliederten italienischen Gesellschaft schwand jedoch die Dominanz der Christdemokraten und die konservative Partei musste sich zunehmend auf die Partito Sozialista Italiana – PSI als Partner verlassen.

00:05:54: Doch diese Allianz sollte nicht überall von Dauer sein.

00:05:57: Schon nineteenhundertseinundsiebzig wählten die Lokalabgeordneten von PC ein und der PSI in Pisa gemeinsam einen unabhängigen, den ex-Kristdemokraten Elia Lazzari zum Bürgermeister.

00:06:10: Da die lange Zeit dominierende christdemokratische Partei erschöpft schien und eine starke Arbeiterbewegung im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs der Nachkriegszeit große Erfolge erzielte kam es bei den Wahlen neunzehnhundertfünfundsiebenzig zu einer starken Verschiebung nach links.

00:06:25: Die Kommunisten holten in Pisa neununddreißig Komma sieben Prozent der Stimmen und in Florenz sogar einundvierzig Kommas fünf Prozent.

00:06:34: In beiden Städten bildeten sich bald kommunistisch geführte Verwaltungen, die von den Sozialisten mitgetragen wurden.

00:06:40: Gabugiani wurde Bürgermeister von Florence.

00:06:43: Sein PCI-Genosse Luigi Bolleri löste Lazari als Stadtoberhaupt in PISA ab.

00:06:48: PISA und Florenz sind heute als Touristen Hotspots bekannt.

00:06:52: Alle Italien-Reisenden wollen einen Schnapschuss mit dem schiefen Turm oder Michelangelo's David.

00:06:57: Der Tourismus war auch schon in den Neunzehnhundertsiebigerjahren riesig, Jahrzehnte bevor die Locals am eigenen Leib erfahren mussten welche Misere Airbnb mit sich bringen kann.

00:07:08: Das urbane Gefüge dieser Städte hatte jedoch immer viel mehr zu bieten.

00:07:13: Dazu gehörten eine einflussreiche Studentenschaft wobei insbesondere Pisa ein Zentrum der radikalen Linken war sowie eine große Leichtindustrie wie beispielsweise die Textilproduktion in den Vororten von Florenz oder die Agrarindustrie und der Maschinenbau in Pisa.

00:07:30: In Pisa machte Bürgermeister Bulleri den Kampf gegen Zwangsräumungen zu seinem Markenzeichen, er erklärte, vermietern die Wohnungen leer stehen lassen – den Krieg!

00:07:39: Der ehemalige Landarbeiter Bulleri bestand auf dem Grundsatz «Wohnraum für alle».

00:07:45: Seine Stadtführung machte von fiktiven Notstandsbefugnissen Gebrauch um Wohnungen zu beschlagnahmen die ungenutzt oder aus denen die bisherigen Bewohner zwangsgeräumt worden waren.

00:07:56: Dies ging soweit, dass Vermieter leerstehender Wohnungen, die diese nicht bewohnbar machten, verklagt wurden.

00:08:02: In der heruntergekommenen Wohnanlage Villaggio Gentofiori zerstörte der Bürgermeister in seiner offiziellen tricolore Schärpe persönlich die Absperrungen um die Gebäude.

00:08:12: Dutzende der dortigen Wohnungen waren von obdachlosen Familien besetzt worden.

00:08:16: Bulleries Verwaltung unterstützte sie direkt und gab bekannt die Immobilien seien vom Rathaus beschlagnahmt worden.

00:08:23: Neben der Unterstützung von Arbeiterfamilien gegen Wuchermieten engagierten sich die Kommunisten in PISA auch in anderen breiteren gesellschaftlichen Kämpfen, indem sie sich beispielsweise als Verteidiger der Gemeinde gegen Unternehmen präsentierten, die das Grundwasser verschmutzten.

00:08:39: Hinzu kam ein ausgeprägter Fokus auf die Stadtidentität.

00:08:43: So beteilige sich die PCI aktiv an den Feierlichkeiten zu Ehren des lokalen Schutzheiligen Ranieri.

00:08:50: An seinem Gedenktag, dem XVI.

00:08:52: Juni beleuchten die Menschen in Pisa die Stadt mit Zehntausenden Kerzen, die auf weißen Holzrahmen an den Gebäuden am Flussufer angebracht werden.

00:09:01: Mitglieder der PCI gingen in den Tagen vor dem religiös konnotierten Feiertag sogar von Tür zu Tür um sicherzustellen dass die Lichtinstallation einstimmig war.

00:09:10: Die jahrhundertealte Tradition war letztlich – so argumentierten die Kommunisten – eher eine menschliche Erfindung als eine göttliche Eingebung Und der Gemeinschaftsgeist musste respektiert und gepflegt werden, unabhängig davon wie man nun zur Kirche stand.

00:09:26: In Florenz leitete Gabugiani ebenfalls Stadtentwicklungsmaßnahmen ein.

00:09:30: Dazu gehörten die Sanierung des Marktes San Lorenzo und eine stärkere Erschließung vom Stadtzentrum in Richtung Nordwesten.

00:09:37: Ziel war es dabei so Gabugiani vor allem kleine handwerkliche Produktionsbetriebe zu stärken.

00:09:43: Sein Team wollte den Bürgerinnen und Bürgern außerdem mehr Verantwortung für lokale, demokratische Entscheidungen übertragen.

00:09:50: Daher wurden neue vom Rathaus unabhängige Nachbarschaftsräte geschaffen.

00:09:54: Sowohl die Expansion der Stadt in den Neunzehnhundertsechziger- und Neunzenhundertsiebzigerjahren als auch der Wiederaufbau nach dem verheerenden Hochwasser des Arno-Noeunzehnhundertsechsundsechzig bedeuteten erhöhten Druck für die Stadtplanung – und die linke Verwaltung bemühte sich um eine Dezentralisierung der Entscheidungsfindung Diese erste Welle neuer, stärker lokalisierter Strukturen in italienischen Städten führte im November adhesiveben und siebzig zu den ersten Wahlen auf Stadtteil Ebene.

00:10:23: Die Wahlbeteiligung lag bei zweiundachtzig Prozent ein Traumwert für heutige Kommunalpolitik.

00:10:28: Standards internationalistische Kontakte.

00:10:34: die kommunistisch geführten Kommunalverwaltungen klagten zwar gelegentlich über mangelnde Unterstützung seitens der Nationalregierung in Rom vermieden jedoch echte Konfrontation mit ihr.

00:10:45: Während ihrer Blütezeit Ende der Neunzehnhundertsiebzigerjahre verwalteten sie ihre Städte im Schatten der Christdemokratischen Landesführung.

00:10:53: Anstatt zu versuchen, diese Minderheitsregierung zu Fall zu bringen verfolgte die PC ein während dieser Zeit eine Politik bei der unter Verweis auf Stabilität die Regierungsgewalt den Christdemokraten überlassen wurde.

00:11:05: Die Kommunisten hofften auch beweisen zu können dass Sie es verstehen die öffentlichen Finanzen verantwortungsvoll zu verwalten.

00:11:12: Die Pci hatte bereits zuvor Bürgermeister in Großstädten gestellt.

00:11:16: Doch die verschärften Spaltungen durch den Kalten Krieg, in der zweiten Hälfte der fortgeschrittenen Jahre, hatte zum Sturz vieler solcher Kommunalregierungen geführt.

00:11:26: Weiter nördlich in der Roten Hochburg Bologna blieb die PC-I in den Nachkriegsjahrzehnten hingegen ununterbrochen an der Macht.

00:11:34: Die kommunistischen Bürgermeister in der Toscana Mitte der nineteenhundertsiebziger Jahre vollzogen dennoch eine Wende innerhalb der Partei.

00:11:42: Sie standen der nationalen Regierung friedlicher gegenüber als alle anderen kommunistischen Führer vor ihnen, machte aber zeitgleich den kalten Krieg zum Thema.

00:11:51: Wie Bürgermeister Gabugiani kurz nach seinem Amtsantritt in einem Interview sagte Wir werden nicht so handeln wie die PCI-Führung in Bologna.

00:12:00: Eine ordentliche Verwaltung ist eine wichtige Sache ebenso wie Stadtplanung Aber Florenz wird nicht nur dies tun.

00:12:07: wir werden versuchen uns auf die internationale Dimension der Politik zu beziehen.

00:12:12: Es folgten entsprechende Initiativen, die vom Rathaus ausgingen.

00:12:15: Dazu gehörten klassische linke Themen Ablehnung der Appartite in Südafrika Unterstützung für eine euro-arabische Konferenz und Forderungen nach Abrüstung der Supermächte.

00:12:26: Gabugiani erklärte Florenz sogar zur Partnerstadt von Nanjing in China.

00:12:31: Der Flügel um Gabugiani legte jedoch ebenso Wert darauf Die PC ein von der Sowjetunion zu distanzieren.

00:12:38: So fand im Januar, in Florenz eine Konferenz zum Thema Dissens und Demokratie in den Ländern Osteuropas statt, die von Gabugianis Stadtverwaltung organisiert wurde.

00:12:50: Ebenso hieß er Yelena Satcharova – die Ehefrau des sowjetischen Physikers und Dissidenten Andrei Satcharov – im Palazzo Vecchio willkommen.

00:12:58: Im April, im April, war Gabugiani dann zur bis dato höchstrangigen Persönlichkeit der PCI, die die USA besuchte.

00:13:08: Er war von Coleman Young, dem ersten Schwarzen Bürgermeister von Florenzpartnerstadt Detroit eingeladen worden.

00:13:14: Allerdings schien es zunächst unwahrscheinlich dass er ein Visum erhalten würde – die US-Behörden misstrauten der PCI und ignorierten sogar die italienischen Christdemokraten, die sich ihrerseits bemühten mit den Kommunisten zu kooperieren.

00:13:28: Im Zuge dieses historischen Kompromisses unter Federführung von PCN Generalsekretär Enrico Berlingua wurde Gabugiani schließlich doch die Einreise in die USA gestattet, sodass er in Detroit an der Eröffnung des Renaissance-Centers teilnehmen konnte.

00:13:44: Vor zwei Jahren wäre es undenkbar gewesen das ein italienischer Kommunist bei einer solchen Zeremonie zugegen ist – so Gabugiani gegenüber der New York Times.

00:13:53: Die Kapitalisten gehen einen Weg und ich einen anderen aber das bedeutet nicht dass sich mich unwohl dabei fühlen würde Henry Ford

00:14:01: Jr.,

00:14:02: einem wichtigen Geldgeber des Centers die Hand zu schütteln.

00:14:05: Gabugiani traf sich außerdem mit dem jungen Soziologen und späteren Autor von Bowling Alone Robert Putnam, der ihm an der University of Michigan als Übersetzer zur Seite stand.

00:14:17: Langsamer Abstieg.

00:14:20: In gewisser Weise eröffneten die Bürgermeisterämter der PCE neue Perspektiven.

00:14:25: Auf Gabugianis Reise in den USA folgten bald ähnliche Trips von führenden Parteimitgliedern wie Giorgio Napolitano, dem späteren Präsidenten Italiens.

00:14:35: Während diese Ausflüge die Vorhut des Aufstiegs der PC Vier zur institutionellen Macht bilden sollten, gerieten allerdings die Bemühungen auf lokaler Ebene unter starkem Druck.

00:14:45: Grund dafür war ein politischer Wandel auf nationaler Regierungsebene und insbesondere die zunehmende Beliebtheit der sozialistischen Partei von Bettino Craxi als rivalisierende und den Kommunisten geradezu feindlich gegenüberstehende Kraft.

00:15:00: Entscheidend war auch der politisch motivierte Terrorismus dieser Zeit der die Verhandlungsposition der Kommunisten unter Grupp.

00:15:07: Die wohl bekannteste Episode war die Entführung und Ermordung von Aldo Morro, dem wichtigsten christdemokratischen Gesprächspartner vom PCR-Führer Berlinguer durch die linksextremen Roten Brigaden.

00:15:19: Viele Kommunisten raunten – Morro sei von Geheimdienstlern, die eine solche konservativ kommunistische Kooperation mit Arckwohn betrachteten – getötet oder zumindest absichtlich sterben gelassen wurden.

00:15:32: Noch bedeutender war allerdings dass mit dem nachlassenden Wirtschaftswachstum das Ende des Nachkriegsbooms und der darauf aufbauenden Arbeiterbewegung einleutete.

00:15:41: Florenz-und Pisa wuchsen demografisch weiter, die Arbeiterklasse war zwar noch nicht sichtbar im Rückgang begriffen aber andere Bevölkerungsgruppen wuchsten.

00:15:51: Höher gebildete Angestellte formten bald eine starke Unterstützungsbasis für die Sozialisten.

00:16:13: Eher und Bulleri wurden noch im selben Jahr Mitglieder der Opposition im italienischen Parlament.

00:16:20: Als Abgeordneter spielte der Ex-Bürgermeister von Florenz nun eine führende Rolle bei Ermittlungen zur geheimnisumwobenen Freimauraloge P-II, die die italienische Demokratieklandestin und mit Gewalt zu destabilisieren versuchte.

00:16:34: Sicherlich reichten ein paar Jahre Anbiederung an die Christdemokratische Herrschaft mit Verweis auf nationale Solidarität nicht aus um die Arbeiterbasis der PCI in den Städten zu zerstören.

00:16:45: Doch auf längere Sicht sollten die Anpassungsbereitschaft der PCI an die Dogmen ausgeglichener Haushalte und ihre weitgehend blinde Unterstützung für das europäische Projekt, das Gesicht der Partei verändern.

00:16:58: Prozessorientierte Ideen wie die Betonung der lokalen Demokratie, Stadtteilwahlen oder das Mantra der Nähe zum Land reichten nicht aus um dem wachsenden Austeritätsdruck etwas entgegenzusetzen.

00:17:10: Insgesamt war die PCI in den Lokalverwaltungen zu einer gemäßigten Kraft geworden, nannte sich aber weiterhin stolz kommunistisch.

00:17:17: Schließlich war man die Partei, die die Resistenzer gegen den Faschismus angeführt hatte.

00:17:23: Genau das erwies sich nun jedoch als Hindernis beim Bestreben, Florenz zum Zentrum einer internationalen politischen Wende zu machen.

00:17:30: Um es mit den Worten des DDR-Photografen Bill Hart zu umschreiben Die Gefahr bestand nicht darin, dass inkompetente Kommunisten den schiefen Turm von Pisa einstürzen lassen würden.

00:17:41: Sondern vielmehr gab es das Problem, daß die PCI und ihre kommunistische Identität stark durch die internationale Ordnung- und Blockkonfrontation beeinflusst waren.

00:17:50: Als die Berliner Mauer dann Ninzehnhundertneunundachtzig fiel, konnte sich selbst eine PCI –die sich ihrer zahlreichen Abweichungen vom sowjetischen Modell rühmte– nicht mehr halten.

00:18:03: war beschmutzt und verpönt.

00:18:05: Die Partei wurde auf neuen und schwachen Grundlagen, die dem postmodernen Geist der frühen Ninzehnhundertneunziger Jahre entsprachen, praktisch neu gegründet.

00:18:14: Marktliberale Stimmen forderten eine radikale Umgestaltung und eine neue Linke, die sich vom Arbeitererbe der Partei löst.

00:18:22: Die Reformansätze auf kommunaler Ebene blieben zwar – und die Partei und ihre Nachfolger konnten sich in vielen städtischen Zentren an der Macht halten Nicht selten dank der aufgebauten Infrastruktur der Arbeiterbewegung.

00:18:33: Was jedoch fehlte, war das Gefühl weiterhin ein übergeordnetes Projekt der gesellschaftlichen Transformation zu verfolgen.

00:18:42: sollte diese Transformation auch in noch so ferner Zukunft liegen.

00:18:47: Bürgermeister von Italien.

00:18:50: Nach einer langen Reihe von Spaltungen und Fusionen schloss sich die Einstige PC ein mit anderen Fraktionen zusammen um die heutige sozialdemokratische Partito Democratico PD zu gründen.

00:19:02: Dabei erweiterten sie ihre Wählerbasis allerdings nicht sonderlich, sondern führten lediglich Fragmente der Führungsgruppen diverser alter Parteien zusammen.

00:19:12: Der Wandel in der italienischen Politik Anfang der nineteenhundertneunziger Jahre führte auch zu einer allgemeinen Abwertung von Parteien und Programmen.

00:19:22: Unter anderem wurden Bürgermeisterinnen und Bürgemeister fortan direkt als Einzelpersonen Und nicht als Vertreter eines bestimmten Parteiprogramms gewählt.

00:19:30: Das Hauptproblem bestand nicht nur darin, dass sich die ehemaligen Kommunisten in der PD nun mit alten politischen Gegnern verbündeten.

00:19:38: Vielmehr sorgten die Neugewichtung der Klassenkräfte und der gesamtgesellschaftliche Kontext, indem diese Allianzen entstanden dafür das Die Linke sich zunehmend nach rechts orientierte.

00:19:51: In Pisa hatten die Kommunisten noch bei der Wahl eines Ex-Kristdemokraten zum Bürgermeister deutlich machen können, dass die Arbeiterbewegung eine Kraft war mit der andere Politiker stets rechnen mussten.

00:20:02: In der Zeit nach der Krise, in der das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Parteinsystem regelrecht zusammenbrach und aus Teritätsmaßnahmen das Mittel der Wahl waren, nahmen derartige Kollaborationen eine ganz andere Färbung an.

00:20:17: Bezeichnend in diesem Sinne war die große Hoffnung auf die PD in der Toskana.

00:20:22: Zwei-tausendneun wurde der damals vierunddreißigjährige PD-Zentrist Matteo Renzi zum Bürgermeister von Florenz gewählt, er versprach seine eigene christdemokratische Tradition mit der Blerschen Dritter Weg Sozialdemokratie zu verknüpfen.

00:20:37: Für Renzi war das Rathaus von Florenc eine Startrampe für die nationale Politik.

00:20:42: Seiner Ansicht nach qualifizierte ihn sein Umgang mit lokalen Themen in Florenz für eine sachlich nüchterne nationale Regierungsführung.

00:20:50: Ab twenty-fourzehn war er dann tatsächlich Ministerpräsident Italiens, in einer Koalition mit Teilen der gemäßigten Rechten und gelobte nun als Bürgermeister von Italien zu agieren.

00:21:02: Diese Betonung des Bürgemeistermodells stellte sich jedoch als eine entkernte Demokratieversion heraus.

00:21:09: Tatsächlich wurde eine technokratische Vision von Politik verfolgt, die lediglich auf Problemlösung in Verbindung mit dem Charisma des Regierungschefs Renzi selbst beruhte.

00:21:20: Bürgermeister Gabugiani war einst nicht nur auf der Suche nach Investitionspartnerschaften ins Ausland gereist sondern auch mit dem Ziel internationale Solidarität zu bekunden und aufzubauen.

00:21:32: Nun bestimmte die finanzielle Notlage zunehmend die Arbeit der Stadtführungen und sogar die des italienischen Ministerpräsidenten.

00:21:39: Renzi war das Mastermind bei der Wende der PD hin zum neoliberalen Zentrum, damit stieß er der alten Basis in der Arbeiterchaft vor den Kopf.

00:21:48: Während neunzehnthundertsiebzig eine Mitte-Links-Regierung noch das Arbeitnehmerstatut verabschiedet hatte um Arbeitsplätze sicherer zu machen stellte Renzi die Abschaffung dieses Schutzes in den Mittelpunkt seiner arbeitspolitischen Reformen.

00:22:01: Das Ergebnis?

00:22:02: Die Umfragewerte der PD brachen ein.

00:22:05: Sie hat seitdem keine Wahl auf nationaler Ebene mehr gewonnen.

00:22:09: Heute ist Florenz sozialdemokratisch geprägt, Renzi hat seine eigene neoliberale Kleinstpartei gegründet und Pisa wird von einer strammrechten Koalition regiert.

00:22:19: In keiner der beiden toskanischen Städte erreicht die Wahlbeteiligung heute die Werte früherer Jahrzehnte.

00:22:26: Diese Erfahrungen zeigen, dass selbst Gebiete die als historisch links gelten nach rechts kippen können sobald die früheren Quellen der Mobilisierung und Hoffnung verschwinden.

00:22:36: Die Infrastruktur der alten Arbeiterbewegung ist nicht vollständig verschwunden.

00:22:40: In linken Zentren und belebten Bars der ländlichen Toskana finden sich immer noch Menschen die sich daran erinnern wie Inti Illimani ihre Botschaft des Widerstands aus Chile mitbrachten.

00:22:52: Fünf Jahrzehnte später ist es aber einfacher, sich einen nominal linken Bürgermeister vorzustellen der mit einem Autokonzern CEO schäkert als dass er internationale Solidarität auf den toskanischen Straßen und Piazzas zelebriert.

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