Victor Grossmans Lebensweg bleibt unnachahmlich – von Mario Keßler

Shownotes

Um antikommunistischer Repression zu entfliehen, desertierte Victor Grossman aus der US-Armee, schwamm über die Donau und ging in die DDR. Dort setzte er sich für ein besseres Verständnis der amerikanischen Kultur ein. Am 17. Dezember ist er verstorben.

Artikel vom 22. Dezember 2025: https://jacobin.de/artikel/victor-grossman-nachruf-cpusa-kommunismus-ddr-ostberlin

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00:00:03: Wir hören uns wieder im Januar, zwei Tausend sechsundzwanzig, mit neuen Folgen vom Jacobin Podcast.

00:00:11: Victor Grossmanns Lebensweg bleibt unnachahmlich.

00:00:16: Um antikommunistischer Repression zu entfliehen, desertierte Victor Grossmann aus der US-Armee, schwamm über die Donau und ging in die DDR.

00:00:25: Dort setzte er sich für ein besseres Verständnis der amerikanischen Kultur ein.

00:00:29: Am siebzehnten Dezember ist er verstorben.

00:00:32: von Mario Kessler.

00:00:35: Victor Grossmann, einen Jahrhundertzeugen zu nennen, ist keine Übertreibung.

00:00:39: Der am elften März, von dem Jahrhundertundzwanzig in New York City geborene Journalist verbrachte den größeren Teil seines Lebens zuerst in der DDR, nach dem Jahrhundertundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundund.

00:00:58: Seine Lebensgeschichte, von ihm selbst in seiner Autobiografie Crossing the River farbig erzählt, ist der exemplarische Weg eines Kommunisten zwischen den Welten, der doch immer seiner Überzeugung unbeirrbar treu blieb.

00:01:10: Das Buch ist auch ein Zeugnis dafür, dass die DDR, ungeachtet aller gravierenden Fehler, der vermeidbaren wie der vielleicht unvermeidbaren, einen legitimen und alternativen Weg zum bisherigen Verlauf deutscher Geschichte suchte.

00:01:24: Steven Wexler, denn so hieß er ursprünglich, wuchs in New York als Sohn eines Kunsthändlers und einer Bibliothekarin auf.

00:01:31: Deren Eltern waren den antisemitischen Pogromen des zaristischen Russlands noch vor nineteenhundert entkommen.

00:01:37: Seine Kindheitserinnerungen verbannten sich mit dem Massenelend der Weltwirtschaftskrise, die die Familie mehrmals zwang, die Wohnung zu wechseln.

00:01:45: Die Linksorientierung war dem jungen Wechsler damit sozusagen vorgegeben.

00:01:50: Noch auf der High School schloss er sich nineteenhundertzweiundvierzig der Young Communist League an.

00:01:55: Dies war im New York jener Zeit nicht erstaunlich.

00:01:58: Die meisten seiner Mitschüler orientierten sich entweder an der kommunistischen oder der sozialistischen Partei der USA.

00:02:05: Hinzu kamen einige Trotzkisten.

00:02:07: Ein frühes Vorbild war der Kongressabgeordnete Vico Marcantonio, der für die American Labour Party, die nur im Staat New York antrat, mehrmals ins Repräsentantenhaus gewählt wurde.

00:02:19: Im Jahr nineteenhundertfünfundvierzig, am Sieg über Hitler bestand kein Zweifel mehr, schloss sich Steven Wexler der Kommunistischen Partei der USA, CPUSA, in der Gewissheit an, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

00:02:33: Er wollte auch mithelfen, die krassen sozialen Unterschiede in der amerikanischen Gesellschaft, ihren Rassismus und ihre Bigoterie zugunsten eines besseren Modells aufzuheben.

00:02:43: Er sah die Alternative, und damit stand er nicht allein, in der idealisierten Sowjetunion, die er nur aus deren in Amerika verbreiteten Propagandaschriften und aus den nicht weniger grobschlächtigen, antikommunistischen Traktaten ihrer Feinde kannte.

00:02:58: Im Jahr seines Parteieintritts nahm er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University auf, das er, in den letzten Jahren, mit sehr gutem Erfolg abschloss.

00:03:08: Er hätte gern ein Promotionsstudium daran angeschlossen, doch die CPUser erwartete von ihm den Einsatz im Betrieb, da es zu wenig Industriearbeiter unter den Parteimitgliedern gab.

00:03:19: Ein Instrukteur der Partei gab ihm und anderen Genossen den Rat, ihr habt viel gelernt und kennt die Theorie.

00:03:25: Aber so sollt ihr nicht mit den Arbeitern sprechen, redet mit den Arbeitern so, dass sie euch verstehen, redet in ihrer Sprache.

00:03:33: Daran habe er später in der DDR oft denken müssen.

00:03:37: Botschafter des anderen Amerika.

00:03:41: Nach einer Zeit als ungelernte Industriearbeiter in Buffalo wurde Wechsler, neunzehntundundfünfzig, zur Armee einberufen und in Bayern stationiert.

00:03:50: Bei einer amtlichen Befragung verschwieg er seine Parteimitgliedschaft und so wurde er wegen Falschaussage vor ein Militärgericht zitiert.

00:03:58: Im hysterisch-antikommunistischen Zeitgeist der McCarthy-Ära drohte ihm eine mehrjährige Haft.

00:04:05: Umratsuchend wandte er sich an das Büro der KPD in Nürnberg, wurde jedoch fortgeschickt, da man ihn für einen Provokateur hielt.

00:04:13: So traf er einen schweren Entschluss, autobiografisch erstmals in seinem Buch der Weg über die Grenze geschildert.

00:04:21: Am zwölften August, two hundred fifty-two, dem Tag, den er als den Entscheidenden seines Lebens bezeichnete, desertierte er.

00:04:29: Er schwamm bei Linz über die Donau in die sowjetisch besetzte Zone Österreichs und meldete sich bei einem sowjetischen Militärposten.

00:04:37: Nach zwei Wochen Verhör wurde er über die Tschechoslowakei in die DDR zunächst nach Potsdam verbracht.

00:04:43: Nach zwei weiteren Monaten in sowjetischem Gewahrsam kam er in ein offenes Lager in Bautzen, in eine Sammelstelle für westliche Dessertöre vorwiegend aus der Bundesrepublik, doch auch aus Frankreich und dem angelsächsischen Raum.

00:04:57: Fortan nannte er sich Viktor Grossmann, um seine Verwandten in den USA zu schützen.

00:05:03: Bis nineteenhundertvierundfünfzig arbeitete als Transportarbeiter im VEB Wagonbau-Bautzen und erlernte in einem Sonderkurs nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch den Beruf des Dreherrs.

00:05:14: Er wurde als Kulturleiter eines ad hoc gegründeten Clubs eingesetzt.

00:05:18: Von nineteenhundertvierundfünfzig bis nineteenhundertachtundfünfzig studierte er Journalistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig.

00:05:26: Als CPUSA-Mitglied war er Gast in der SED-Parteigruppe.

00:05:30: Dort fand er auch seine Lebenspartnerin.

00:05:33: Seit nineteenhundertfünfundfünfzig und bis zu ihrem Tod war Viktor Grossmann mit der Bibliothekarin Renatek Schiener verheiratet.

00:05:41: Aus der Ehe gingen zwei Söhne, Thomas und Timothy hervor.

00:05:45: Er war und blieb der DDR wieder SED verbunden, eckte, aber ein um das andere mal an, als er verzerrten Meinungen über das Leben im Kapitalismus widersprach.

00:05:55: Nach erfolgreich absolviertem Studium arbeitete er zunächst als Lektor beim Verlag Seven Seas Publishers in Berlin.

00:06:02: Der Verlag wurde von Gertrude Gelbin, Stefan Heims Frau geleitet und publizierte englischsprachige Bücher von kommunistischen Autoren der USA, aber auch zahlreiche Schriften von Angehörigen der Mit der Sowjetunion und der DDR verbundenen Befreiungsbewegungen Asiens und Afrikas.

00:06:19: Die Bücher erreichten zwar kaum den westlichen Buchmarkt, Jedoch ein wachsendes Publikum im südasiatischen Raum, namentlich in Indien.

00:06:28: Von nineteenhundertneunundfünfzig bis neunzehundertdreiundsechzig arbeitete Viktor Grossmann beim German Democratic Report, einem Englischsprachigen die Gäst der DDR-Presse, den der englische Journalist John Pete leitete.

00:06:42: Daran anschließend war er für zwei Jahre Nordamerika-Redakteur bei Radio Berlin International, dem Auslandsdienst des DDR-Rundfunks.

00:06:50: Mehr als nur eine berufliche Aufgabe war für ihn die darauffolgende dreijährige Leitung des Paul Robeson-Archivs an der Akademie der Künste der DDR.

00:06:59: Seit nineteenhundertsechzig war er freischaffender Journalist, dessen Kommentare in der Tagespresse, aber auch in der außenpolitischen Zeitschrift Horizont und der kulturpolitischen Monatszeitschrift Das Magazin erschienen, die von der mit ihm eng befreundeten Hilde Eisler geleitet wurde.

00:07:17: Die Freundschaft mit ihr und ihrem nineteenhundertachtundsechzig verstorbenen Mann Gerhard ging auf deren Exilzeit in den USA zurück.

00:07:25: Wenig bekannt ist Grossmanns Einsatz für die fortschrittliche amerikanische Kultur in der DDR.

00:07:30: Nach dem elften CK Plenum der SED im Dezember nineteenhundertundsechzig wurde in Ostberlin fast die gesamte Filmproduktion des Jahres für den Verleih verboten, zusammen mit wichtigen literarischen Texten.

00:07:43: Damit ging ein ideologischer Feldzug gegen die angelsächsische Unkultur einher, der geradezu chauvinistische Züge aufwies, propagiert oft von Kulturfunktionären der zweiten Reihe, die kein Wort Englisch beherrschten, aber nun alte Vorurteile aus ihren Jahren in der Hitlerjugend hervorholten.

00:08:00: Die Bands, nun mehr Tanzkapellen, die sich weigerten englischsprachige Titel aus ihren Programmen zu nehmen, erhielten Aufführungsverbot oder mussten sich auflösen.

00:08:11: In diesen bis nineteenhundert und siebzig wehrenden schwarzen Jahren der DDR-Kulturpolitik gelang es Grossman einige wenige Platten mit Künstlern des anderen Amerika nur unter dieser Bezeichnung gingen sie überhaupt durch in der DDR mit einführenden Texten den Liner Notes zu versehen.

00:08:28: Darunter waren LPs von Bob Dylan, Pete Sager und Joan Baez.

00:08:33: und dies Obwohl Pete Säger, n.h.

00:08:36: die CPU sah, nach Stalins Bruch mit Tito verlassen, und Joan Baez die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings, n.h.

00:08:44: hat gebrannt.

00:08:46: Victor schrieb die meisten seiner Texte auf Deutsch, und auch dadurch wurde er zum Mittler zwischen den Welten.

00:08:52: Sein schönstes Buch bleibt Rebel Girls.

00:08:56: vierunddreißig amerikanische Frauen im Porträt von Ann Hutchinson, der kämpferischen Theologin des siebzehnten Jahrhunderts, bis Jane Fonda.

00:09:05: Er schenkte es mir mit der Widmung Pasaremus und akzeptierte meine Kritik, als ich ihn auf das Feelen von Emma Goldman im Buch hinwies.

00:09:14: Sein Posten bleibt vakant.

00:09:17: In den Jahren des Niedergangs und des Zerfallsprozesses der DDR blieb Grossman politisch wach.

00:09:23: Auch wenn für ihn ein Bruch mit dem DDR-Kommunismus nie in Frage kam, wuchsen in ihm die Zweifel.

00:09:29: Der Zusammenbruch und die Selbstaufgabe seiner Wahlheimat durch große Teile der Bevölkerung empfand er als persönliche Niederlage, so sehr ihn die neu errungenen Bürgerfreiheiten für seine Landsleute, denn als solche sah er die DDR-Bürger, Freuten.

00:09:44: Diese Bürgerfreiheiten kamen auch ihm zugute, als er in den USA erstmals seit seiner Flucht wieder reisen durfte, deren Staatsbürger er immer geblieben war.

00:09:55: Nach einer offiziellen Anhörung wurde er dort aus der US-Armee entlassen.

00:10:00: Seine CPUSA-Mitgliedschaft übertrug er auf die PDS und später auf die Linke.

00:10:05: Er hielt Vorträge in Parteigruppen und verschiedenen antifaschistischen Organisationen, darunter immer wieder im Verein der Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik, publizierte in linken Periodika und schrieb einen kostenfreien monatlichen Block, das Berlinbületar Indem er amerikanischen und deutschen Abonnenten die europäische Politik in leicht fasslicher Form darstellte und analysierte.

00:10:27: Victor lebte ein exemplarisches Leben.

00:10:30: Er gehörte zu den mutigen Menschen, die sich am siebenundzwanzigsten August und am vierten September nineteenhundertneunundvierzig in Peaks Kill im Staate New York dem entmenschten Mob entgegenstellten, der versuchte Paul Robison und Pete Sieger zu lünchen.

00:10:44: Es erschütterte ihn, als er erfuhr, dass der einstige CPU-A-Generalsekretär Gas Hall große Summen an Parteigeldern für rein private Zwecke verwendet hatte.

00:10:53: Victor's Lebensentscheidung blieb davon unberührt.

00:10:56: Der Kommunismus ist mehr als der Machtmissbrauch durch seine Funktionäre, war sein Standpunkt.

00:11:01: Der gemeinsame Kampf von Kommunisten der CPU sah und trotz Kisten in Peakskill bewahrte ihn vor sektiererischen Einengungen der amerikanischen KP.

00:11:11: Bei klarem Standpunkt war er in Meinungsverschiedenheiten, die auch ich mit ihm mitunter hatte, der höflichste und toleranteste Diskussionspartner, den man sich vorstellen kann.

00:11:20: Am siebzehnten Dezember zwei Tausendfünfundzwanzig starb Viktor Grossmann im Alter von siebenundneunzig Jahren in Berlin.

00:11:26: Ein Posten ist vakant, um Heinrich Heine zu zitieren, der eine fällt, die anderen rücken nach.

00:11:33: Doch dieser Posten, den Viktor bezogen und gehalten hatte, bleibt vakant.

00:11:37: Denn seine einzigartige Erfahrung, gewonnen aus verschiedenen Welten, die kritisch zu überprüfen, er stets bereit war, sind und bleiben unverwechselbar, ja unwiderholbar.

00:11:47: Seien wir dankbar dafür, was er uns gegeben hat.

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